SZ: Angeblich wurden Sie mit einem Verdächtigen im Zusammenhang mit der Hamburger Terrorzelle verwechselt. Dagegen spricht wohl, dass Sie nach dem Anführer Mohammed Atta und seinen Komplizen gar nicht gefragt wurden?
Masri: Am Ende sagte man mir, ich sei verwechselt worden. Aber nach der Hamburger Zelle haben sie nicht gezielt gefragt, es war eher zufällig. Bei einer Vernehmung schimpfte ein Amerikaner: Die größten Terroristen kommen aus Deutschland! Ich entgegnete: Was kann ich dafür, dass Atta mal in Deutschland war. Da sprang der Mann auf und sagte: Woher kennen Sie Atta? Ich antwortete: aus den Medien. Dass die Hamburger Terroristen einen Mann namens Masri kannten, habe ich erst erfahren, als ich wieder in Deutschland war.
SZ: Also keine Verwechslung?
Masri: Ich hatte meinen Pass dabei, den Ausweis, die Bank-Karte, die Metro-Karte, den Beleg vom Reisebüro. Man hätte schnell feststellen können, dass ich ein Unschuldiger bin mit echten Papieren. Warum ich trotzdem so lange festgehalten wurde, weiß ich nicht. Ich möchte es wissen. Alles ist sehr seltsam.
SZ: Deutschlands Rolle in diesem Fall ist noch sehr diffus. Kurz vor Ihrer Freilassung tauchte ein Mann namens Sam auf. Die deutschen Geheimdienste behaupten, er sei kein deutscher Agent. Welchen Eindruck hatten Sie?
Masri: Er war hundertprozentig ein Deutscher. Er hatte einen norddeutschen Akzent. Kein Hauch von amerikanischem Dialekt. Er hat einmal erzählt, dass seine Frau auch bei Metro einkauft. Bevor er einmal nach Deutschland flog, fragte er mich, ob ich was von zu Hause will. Am Schluss hat er mich im Flugzeug zurückbegleitet auf den Balkan. Er sagte: Wir haben einen neuen Bundespräsidenten. Das war Horst Köhler.
SZ: Also womöglich ein Deutscher. Doch für wen arbeitete er?
Masri: Ich habe gefragt, ob er von einer deutschen Behörde ist. Er sagte: Das will ich nicht beantworten. Ob die deutschen Behörden wüssten, dass ich in Afghanistan bin, wollte er auch nicht beantworten. Ich fragte: Weiß meine Frau, dass ich hier bin? Er sagte: Nein. Er wirkte sehr routiniert, er verhielt sich den afghanischen Wärtern gegenüber, als kenne er sich dort aus. Seine Armbanduhr war die gleiche wie die der Amerikaner. Vielleicht arbeitete er für die USA.
»Ich träume von Vernehmungen. Im Keller wird mir ganz mulmig.«
SZ: Was ist die schlimmste Erinnerung aus dieser Zeit?
Masri: Am Flughafen von Skopje haben mich die Amerikaner für den Flug vorbereitet, mich nackt ausgezogen und geschlagen. Sie haben mich gedemütigt. Die Details will ich nicht nennen. Aber es war das Schlimmste. Ich werde es nie vergessen und nie verzeihen.
SZ: Wurden Sie auch in Afghanistan misshandelt?
Masri: Am Anfang haben sie mich auf den Boden geworfen und von allen Seiten getreten. Doch die Gewalt hörte auf. Schlimm waren die Umstände: Essen und Wasser waren ekelhaft. Wir sind deswegen in einen Hungerstreik getreten, mehr als einen Monat lang.
SZ: Wurden andere misshandelt?
Masri: Nicht in diesem Gefängnis. Aber viele hatten anderswo schreckliche Erfahrungen gemacht. Sie erzählten von einem Gefängnis der Amerikaner in der Nähe, vielleicht zehn Minuten Fahrt entfernt. Es hieß Dunkelheits-Gefängnis. Es war dort stets finster, Tag und Nacht liefen äußerst laute aggressive Musik oder Beleidigungen gegen Allah. Andere erzählten, man habe sie an den Händen tagelang aufgehängt, auch zum Schlafen. Mein Zellennachbar war aus Afrika, ihm ging es sehr schlecht, er schlug seinen Kopf gegen die Wand. Die Polizei in seiner Heimat hatte ihm die Arme mehrfach gebrochen, man hatte ihn auch in einen Koffer gesteckt, der so übel roch, dass er sich darin übergeben musste. Dann haben ihn die Amerikaner übernommen. Sie drohten, ihn zu vergewaltigen.
SZ: Können Sie mittlerweile wieder ein normales Leben führen?
Masri: Ich finde keine Arbeit. Wer will schon einen, der irgendwas mit der CIA zu tun hat. Schon vor der Entführung war es schwer, in Neu-Ulm ein Araber zu sein. Wenn ich eine Wohnung suchte, hieß es: Sie haben aber nichts mit Osama bin Laden zu tun? Jetzt reden die Leute auf der Straße manchmal über mich. Ich gehe nur noch selten aus dem Haus.
SZ: Verfolgt Sie die Entführung?
Masri: Ja. Ich träume von Vernehmungen. Im Keller wird mir ganz mulmig. Schlimm sind Fernsehbilder von Guantanamo, Abu Ghraib, Stacheldraht, Militärstützpunkten. Dann überwältigen mich die Tränen, die Wunden brechen auf und ich denke an die Häftlinge, daran, was sie durchmachen.
(Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2)
In diesem Artikel:
Ein Mann und seine Sprüche
Deutschlands Mutti
Patzer, Pannen, Palin
"Spätrömische Dekadenz"
Blut soll fließen
Ikone des Protests
Pomp, Politik, Polygamie