Ein Feldzug auf Augenhöhe

    Vom Krieg in den US-Kongress

    27.06.2006, 18:50

    Von Christian Wernicke

    Als Soldatin im Irak verlor Tammy Duckworth beide Beine, nun will sie als Politikerin mit der Bush-Regierung abrechnen. Die 38-jährige ist dabei voller Stolz auf ihr Land - und ihren Einsatz.

    Tammy Duckworth

    Tammy Duckworth kandidiert für die Demokraten in Chicago (Foto: SZ)

    Der Krieg ist ein Fluch. Für das Land, und ganz besonders für diese Frau. Weshalb Tammy Duckworth lieber von anderen Dingen spricht, wann immer sie erklären will, "wofür ich stehe und warum ich kämpfe". Reden kann sie, stundenlang sogar. Selbstsicher wirkt sie, so als sei diese Tammy Duckworth in ihren 38 Lebensjahren nie etwas anderes gewesen als Politikerin, Demokratin in Chicagos Vorstadt Lombard, Kandidatin im 6. Wahlbezirk von Illinois für den Kongress in Washington. Sie kennt genügend Hospitäler von innen, um die Misere des Gesundheitssystems zu beklagen. Routiniert zitiert sie Zahlen und Kennziffern, sobald sie schimpft, wie der Präsident im Weißen Haus den Kindern der kleinen Leute die Stipendien fürs Studium streicht, während er mächtige Großunternehmen mit überteuerten Milliarden-Aufträgen füttere.

    Sie hat es doch erlebt, drüben in Bagdad: "Unseren Tanklastern fehlt die Schutzausrüstung, aber wir kriegten jeden Sonntag Steak und Hummer." Und das alles nur, damit eine Tochterfirma von Halliburton, bekanntlich einst der Arbeitsplatz von George W. Bushs Vize Dick Cheney, mit Armee-Essen ihren Reibach habe machen können. "Deshalb will ich in den Kongress", wettert Duckworth, "ich will aufstehen, Minister Rumsfeld in die Augen schauen und ihn nach diesen Verträgen fragen."

    Mitleid will sie nicht

    Das kommt an beim Publikum. Zumal bei den zwei Dutzend Parteifreunden, die sich an diesem lauen Sommerabend in Elk Grove Village hinter einem Bungalow im liebevoll gehegten Familiengarten versammelt haben, zum späten "Coffee with Tammy". Es ist eine beschauliche Runde unterm Sonnenschirm, mit selbstgebackenen Keksen, Saft und Eistee. Demokratische Diaspora, die meisten Nachbarn wählen rot, also Bush. Der Gastgeber, ein freundlicher Mittelständler, hat vorhin erzählt, wie er mit seiner Frau nach Bushs Wiederwahl 2004 überlegte, mit den drei Kindern nach Australien auszuwandern: "Ich habe die Nase voll, diese Regierung ist eine Schande." Derweil ist Tammy Duckworth mit ihrer bitteren Anekdote doch wieder da gelandet, wo sie herkommt - im Irak, im Krieg.

    Es ist ein Teufelskreis, Fluchtversuche sind zwecklos. Wie denn auch? Mit ihrer linken Hand stützt sich Duckworth auf einen schwarzen Gehstock, und während sie jetzt auf einem Barhocker hin und her rutscht und redet, schimmert zwischen den weißen Söckchen und dem Saum ihrer blauen Hose das nackte, graue Metall hervor. Das also sind sie, die beiden Prothesen. Mancher schielt hin, und alle wissen Bescheid. Duckworth spürt die verstohlenen Blicke, nutzt die Neugierde: "Seht her, mein rechtes Bein ist hunderttausend Dollar wert." Für zwei, drei Sekunden hebt sie den stählernen Unterschenkel, dann punktet sie: "Als Soldatin hatte ich die beste medizinische Versorgung. Aber was wäre gewesen, wenn ich meine Beine drüben auf dem Highway bei einem Autounfall verloren hätte?" Da nicken alle, ein paar Zuhörer klatschen leise. Und einer murmelt "Rollstuhl, lebenslang."

    Getragen von den Prothesen - und der Zuversicht

    Mitleid will Duckworth nicht, das bringt sie keinen Schritt weiter auf ihrem weiten Weg nach Washington. Beifall, Spenden, Wählerstimmen - nur das zählt. Der Ertrag dieses Abends fällt bescheiden aus: In der Kristallschale, die zwischen Keks-Teller und Wassergläsern auf dem Gartentisch steht, stecken drei dünne Umschläge und ein paar lose Dollarscheine. Immerhin, in der Adressenliste für potenzielle Wahlhelfer entdecken Duckworths Mitarbeiter zwanzig neue Namen, was ihre Chefin prompt als "einen schönen Erfolg" verbucht.

     
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    So ist sie. Von dieser trotzigen Zuversicht wird sie getragen, viel mehr als von ihren zwei High-Tech-Prothesen. "Ich habe ja nichts zu verlieren", sagt Duckworth und legt dieses breite, mädchenhafte Lächeln auf. Das hat sie von ihrer Mutter geerbt, einer Thai, die während des Vietnamkriegs einen amerikanischen GI traf und heiratete. Duckworth, mithin ein Kind von Amerikas Kriegen, hatte Glück: "Mein Dad stand zu uns, andere Soldaten haben ihre Kids einfach dagelassen." Es sei nur "eine Laune des Schicksals" gewesen, dass sie im klimatisierten Auto saß, während draußen Gleichaltrige im Dreck nach verwertbarem Müll suchten. Diese Erfahrung speist einen unerschöpflichen Patriotismus. Trotz allem, bis heute: "Es könnte alles viel schlimmer sein. Ich bin nicht in Vietnam, ich bin hier, als Amerikanerin."

    "Bush war mein Oberbefehlshaber"

    Mit Mitte zwanzig meldete sich die Studentin der Politikwissenschaft zur Armee. "Ich wollte etwas zurückgeben." Deswegen ist sie mitgegangen, als der Marschbefehl für den Irak kam - mit Stolz, trotz innerer Skrupel. Noch heute senkt Duckworth die Stimme, wenn sie einräumt, sie habe "nie so recht an die Verbindung zwischen al-Qaida und Saddam geglaubt". Aber: "Meine Einheit, meine Männer" im Stich zu lassen, das wäre ihr wie Verrat vorgekommen. "Und Bush hatte die Stimmen der Amerikaner, er war mein Oberbefehlshaber." Ein Kamerad erzählt, in Bagdad habe Duckworth ihre Zweifel verschwiegen, wie fast alle, die ähnlich dachten. Wer das nicht begreife, solle sich noch mal den deutschen Film "Das Boot" anschauen: "Der U-Boot-Kommandant war auch kein Nazi."

    Auch jetzt möchte Duckworth "nur dienen". Und sie möchte künftig frei aussprechen dürfen, was sie denkt. Das Amt im Kongress traut sie sich zu, "weil ich seit zwanzig Monaten irgendwie keine Furcht mehr kenne". Da ist sie wieder, die Referenz an den Krieg, die Erinnerung an den 12. November 2004: An jenem Tag steuerte die zierliche Majorin der Nationalgarde von Illinois einen Black Hawk über Bagdad, als eine Granate das Cockpit des Hubschraubers traf und ihr beide Beine und den rechten Arm zerfetzte. Ihr Co-Pilot wähnte sie tot, zog sie blutüberströmt aus dem Wrack. Zehn Tage später wachte Duckworth in einem Militärhospital nahe Washington auf. Nach zahllosen Operationen kämpft sie nun um ihr neues Leben. "Dies ist meine zweite Chance", sagt sie sehr ernst im Gespräch. Und lächelt wieder: "Ich weiß, es klingt kitschig: Aber ich spürte, ich muss mehr sein als ich war."

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