Von Rudolph Chimelli

Unter den mächtigen Groß-Ayatollahs gibt es nur wenig Sympathie für Mahmud Ahmadinedschad. Doch sie misstrauen nicht nur dem Präsidenten - sie stehen auch dem Staatsprinzip ablehnend gegenüber.

Montaseri, ReutersGrossbild

Offene Kritik am Wahlergebnis: Groß-Ayatollah Ali Montaseri. (Foto: Reuters)

Iran wird oft der "Mullah-Staat" genannt. Spätestens seit Mahmud Ahmadinedschad im Jahr 2005 erstmals Präsident wurde, trifft dies nur noch begrenzt zu, denn in seiner Umgebung sind Turban-Träger selten.

Seine Leute, die er mit Vorliebe auf alle erreichbaren Positionen in Verwaltung, Parlament und Sicherheitsapparat schiebt, sind ehemalige Revolutionsgardisten wie er selber, oft Kameraden aus dem Krieg gegen den Irak. Ferner stützt er sich auf Techniker, linientreue Beamte und Nachwuchs aus den ärmeren Volksschichten. Eine neue Klasse greift also nach den Schalthebeln der Macht.

Von dem Dutzend Groß-Ayatollahs in Iran stimmte bei der jüngsten Wahl keiner für Ahmadinedschad, versichern deren Vertraute. Die Träger des Titels Ayatollah haben sich seit der Revolution von 1979 inflationsartig vermehrt. Doch die wenigen anerkannten Groß-Ayatollahs, die wahren theologischen und moralischen Autoritäten, misstrauen nicht nur dem Präsidenten.

Sie stehen auch dem Staatsprinzip der Islamischen Republik, der absoluten "Herrschaft des Gottesgelehrten", ablehnend gegenüber.

Für das Amt, das der geistliche Führer Ali Chamenei ausübt, gibt es nach ihrer Meinung keine theologische Rechtfertigung. Als es im ersten Jahr nach der Revolution in die Verfassung eingefügt wurde, waren sie, mit einer Ausnahme, alle dagegen. Hinzu kommen Vorbehalte gegen die Person Chameneis. Als er nach dem Tod des charismatischen Revolutionsführers Chomeini zum geistlichen Führer gewählt wurde, musste die Verfassung geändert werden. Denn mit seinem mittleren Rang eines Hodschat-ul-Islam verfügte er nicht über die erforderlichen Voraussetzungen.

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Proteste in Iran Der Ayatollah hat gesprochen Rahmen
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Aus dieser Skepsis der großen Theologen ergibt sich eine latente Sympathie für Bestrebungen, die auf eine Änderung des Systems abzielen. Was die Groß-Ayatollahs denken, überträgt sich auf einen Teil ihrer Studenten und auf Millionen Iraner, die sich einen dieser Großen zum persönlichen Vorbild und Ratgeber erwählt haben.

Nur selten greift ein Groß-Ayatollah in aktuelle Fragen ein. Sie sind überwiegend der Ansicht, dass es der Glaubenslehre und dem Ansehen des Islam schadet, wenn er sich mit einer bestimmten Politik identifiziert.

Umso bemerkenswerter ist, dass vier von ihnen sich öffentlich gegen den Wahlschwindel gewandt haben, über den sich die unterlegenen Kandidaten, an erster Stelle Mir Hussein Mussawi, beschweren: Es sind Ali Montaseri, der einmal designierter Nachfolger Chomeinis war, dann aber geschasst wurde, Nasser Schirasi, Assadollah Sandschani und Abdul-Karim Mussawi Ardebili. Der erzkonservative Saafi Golpaiegani wiederum kritisierte beide Seiten im Wahlstreit.

Er findet, der Wächterrat müsse in seinen Entscheidungen unparteiisch sein und dürfe nicht einen Kandidaten - das heißt Ahmadinedschad - begünstigen. Die Opposition wiederum dürfe nicht unnachgiebig auf ihren Rechten beharren.

Solche Äußerungen geben Stimmungen wieder. Sie sind keine Glaubensentscheidungen und schon gar kein politisches Aktionsprogramm. Unter den hohen Theologen gibt es viele Anhänger, welche die Herrschaft des Gottesgelehrten (Welajat al-Fakih) durch einen Rat der Gottesgelehrten (Schurat al-Fukaha) ersetzen würden, ein mehrköpfiges Gremium an Stelle des einen und allmächtigen geistlichen Führers.

Zu dieser Auffassung neigt Ex-Präsident Haschemi Rafsandschani. Doch von einer theologischen Lehrmeinung zu einem Umsturz wäre es ein weiter Weg. Die Ablösung Chameneis und seine Ersetzung durch einen Führungsrat steht nicht auf der Tagesordnung von morgen oder übermorgen. Im Expertenrat, der dazu die Vollmacht hätte, fände Rafsandschani dafür derzeit keine Mehrheit.

100.000 Mullahs in Iran

Unter den Theologen in Ghom besteht eine Organisation, welche nach einer radikalen Vergangenheit heute die Reformer unterstützt: die Versammlung kämpfender Kleriker. Ihr gehören neben vielen anderen Ex-Präsident Mohammed Chatami, sein in der letzten Woche verhafteter Vizepräsident Mohammed Ali Abtahi und Hadi Chamenei, der liberale Bruder des geistlichen Führers, an.

Diese Vereinigung stellte sich schnell an die Seite der Teheraner Demonstranten. Ihnen gegenüber steht eine fast gleichnamige konservative Gruppierung, die Vereinigung kämpfender Kleriker. Unter ihren Gründungsmitgliedern waren 1977 sowohl Chamenei als auch Rafsandschani. Ihre Ansichten haben sich seither weit auseinander entwickelt.

Das Wort Mullah-Staat hat auch früher nie gestimmt. In Iran leben und predigen schätzungsweise 100.000 Mullahs. Ihre Standesorganisationen sprechen von 200.000. Einige ausländische Experten gehen von bis zu 300.000 aus. Nur fünf bis zehn Prozent von ihnen sind politisch im Sinne des Regimes engagiert. An den Seminaren der heiligen Stadt Ghom, auch der "schiitische Vatikan" genannt, studieren 60.000 künftige Mullahs. An dem für Frauen reservierten Seminar Dschamia Tus Sahra sind 3000 Studentinnen eingeschrieben.

(SZ vom 24.06.2009/gba)

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Leserkommentare (13)



24.06.2009 12:32:48

Hamilkar Barkas: Kritischer Michel

Sie müssen die Meinung der Großayatollahs nicht beim Mossad abfragen, obgleich der sicher Auskunft geben könnte. Die Großayatollahs schreiben offene Briefe, die kann jeder lesen (wenn man Farsi kann). Der Brief von Großayatollah Montezari ist zum Beispiel fast eine Woche alt und längst in zahleiche Sprachen übersetzt im Internet nachzulesen.


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