Von Johannes Honsell, Tel Aviv

Der Flüchtlingsjunge Hamzi ist zwölf, als israelische Soldaten und militante Palästinenser tagelang in seinem Lager Dschenin miteinander kämpfen. Das Erlebte geht ihm immer noch nach - doch er glaubt an den Frieden mit Israel.

Möchte Informatiker werden: der junge Palästinenser Hamzi aus dem Flüchtlingslager Dschenin

Möchte Informatiker werden: der Palästinenser Hamzi aus dem Flüchtlingslager Dschenin. Foto: Honsell

Vor dem Haus rollen die Panzer und Soldaten brüllen Kommandos. Drinnen verrinnt die Zeit nicht. Zwei israelische Reservisten stehen schwer bewaffnet im Türrahmen und passen auf, dass der zwölfjährige Hamzi und seine Familie ihnen nichts tun.

Der Vater trägt Handschellen, die Jüngste hält sich schon seit zwei Stunden die Ohren zu. Hamzi, der einzige Sohn, ist zu jung, um den starken Mann zu spielen. Es würde auch nichts bringen. Die Soldaten sind nervös und erschöpft, und unter jedem T-Shirt vermuten sie eine Bombe.

Es bleibt nichts, als zu warten. Sieben Tage lang dürfen sie das Haus nicht verlassen, weil die israelische Armee versucht, palästinensische Zivilisten und Kämpfer auseinanderzuhalten.

Die Bedingungen sind hart. Hamzi, seine Eltern und seine sieben Schwestern teilen sich einen Raum mit sechs Nachbarn, deren Haus es nicht mehr gibt. Drei in jedem Bett. Dann ziehen die Truppen ab. Zurück bleibt eine zerstörte Wohnung und viele Abdrücke auf Hamzis Seele.

Fast alle Kinder des Lagers haben Ähnliches, einige Schlimmeres erlebt beim Einmarsch der israelischen Armee 2002.

Doch im Unterschied zu vielen anderen Kindern ist Hamzi nicht verbittert oder aggressiv geworden. Gleichmütig und manchmal traurig klingt er, aber nicht wütend, wenn er von der Zerstörung des Ortes erzählt, in dem er geboren wurde.

Jedes dritte Kind ist traumatisiert

Die Kämpfe in Dschenin kosteten 75 Israelis und Palästinenser das Leben, 140 Häuser wurden zerstört und 4000 Menschen obdachlos, schätzt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Aber in keiner Opferstatistik tauchen die Kinder auf, deren Leben durch die traumatischen Erlebnisse tiefgreifend verändert wird.

Israelische Forscher haben herausgefunden, dass in der Zeit der zweiten Intifada von 2000 bis 2005 bei 37,1 Prozent der palästinensischen Kinder im Westjordanland psychische Schäden wie schwere posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) auftraten - deutlich mehr als in anderen Krisengebieten der Region. Sie leiden an Schlafstörungen, werden aggressiv oder versuchen, die Realität zu verdrängen.

Was der Krieg mit Hamzi und anderen Kindern macht, kann man im örtlichen Kulturzentrum von Dschenin sehen, wo ihre selbstgemalten Bilder an den Wänden hängen. Darauf sind Panzer zu sehen, die auf Schulkinder zielen, Bulldozer, die Häuser einreißen, Kinder vor Gewehrläufen, die Hände hinter dem Kopf, das Gesicht zur Wand.

Auf einem der Bilder schwimmt die populäre palästinensische Cartoonfigur Handallah durch einen See aus Blut auf den Felsendom in Jerusalem zu, dem Sehnsuchtsort vieler Palästinenser.

Das Lager selbst ist weitgehend wieder instand gesetzt, also in den ärmlichen Zustand vor dem Einmarsch. Am Eingang verkauft ein alter Mann aus dem Laderaum eines antiken Kombis Zuckerwatte an zwei Knirpse, direkt daneben ist eine zehn Meter lange Wand mit Märtyrer-Plakaten vollgepflastert.

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