Die ganz kleine Abschieds-Show: Wie der heimliche Partei-Chef seiner Fraktion Lebewohl sagt.
Das war's: Zum vorerst letzten Mal nimmt Fischer den Aufzug im Reichstag Foto: dpa
Drei Flaschen Isabel, Jahrgang '99, drei Flaschen Syrah, Jahrgang '03 und sechs Flaschen Rotwein aus dem Piemont - damit geht also eine der schillerndsten deutschen Politik-Karrieren zu Ende. Zwölf Flaschen Wein für 25 Jahre Joschka Fischer.
Nun ist gegen einen Isabel nichts einzuwenden, der Spätburgunder kostet 29 Euro und gewinnt Preis um Preis. Als Abschiedsgeschenk einer ganzen Fraktion für ihren Übervater wirken die zwei Kisten an diesem Dienstag aber etwas armselig - und damit irgendwie typisch für die Abnabelung der Grünen von Fischer.
Die Partei weiß noch nicht so recht, wie sie mit dem Politpensionär umgehen soll. Schon seit Monaten sehnen die neuen Führungsleute den Tag herbei, an dem Fischer keine lästigen "Konzertchen" mehr gibt.
Gleichzeitig wissen die Kuhns, Künasts, Roths und Bütikofers, dass sie das Denkmal noch brauchen werden - und sei es nur als grüne Vorzeige-Ikone. Künast warnt deshalb am Tag des Abschieds vor verfrühten "Abschiedsgesängen". Mit Joschka müsse man immer rechnen, auch in grüner Zukunft.
Intern hat der 58-Jährige bereits signalisiert, 2009 für einzelne Wahlkampfauftritte zur Verfügung zu stehen. Aber dafür muss Fischer jetzt erst einmal gehen.
Um 15 Uhr beginnt der letzte Auftritt des Altstars, der "touchdown", wie seine Frankfurter Freunde sagen. Ein erstaunlich unspektakuläres Ereignis.
Der Aufzug öffnet sich, Fischer spaziert schnurstracks durch das Kamera-Spalier, verschwindet wortlos im grünen Reichstagsturm - das einzig Auffällige ist Claudia Roth an seinem Arm.
Dann schließen sich die Türen, alle Reporter müssen raus. Die politische Karriere Fischers geht im Verborgenen zu Ende. Keine Kamera, kein Mikrofon hält die Momente fürs Geschichtsbuch fest.
"Bitte keine große Oper", hatte Fischer seine Fraktion wissen lassen, als er den Abschiedsbesuch vergangene Woche ankündigte. Man wisse doch, Ehrungen seien ihm peinlich. Doch gerade damit bringt er seine Partei jetzt in Nöte.
Kann man ihn so einfach ziehen lassen? Als einen Tagesordnungspunkt unter vielen auf einer nicht-öffentlichen Routinesitzung? In der Fraktionsspitze haben sie deshalb überlegt, die Sitzung nach draußen zu übertragen - eine Art public fischer viewing.
Doch jetzt ist der Bildschirm vor dem Fraktionssaal schwarz. Dafür hat die doppelte Doppelspitze die eigenen Rollen fein austariert: Kuhn darf die Abschiedsrede halten, aber nur zehn Minuten lang. Künast darf den Wein überreichen, aber nur mit ein paar Worten. Dann darf Roth sprechen, "aber nicht so lang wie der Fritz", und Fischer noch einen i-pod und zwei CDs schenken. Nur der von Fischer verachtete Bütikofer hat keine Rolle.
Ob die ungeklärte Nachfolge-Frage nicht ein Problem sei, wird Fraktionsvize Ströbele gefragt. Nein, findet der: "Die Grünen kommen jetzt nur wieder in den Normalzustand zurück." Die Umstehenden lachen, aber Ströbele meint es ernst. Ihm war die Allmacht des heimlichen Vorsitzenden nie geheuer.
Auch Kuhn bemüht sich, dem Tag das Besondere zu nehmen. Fischers Weggang sei "kein Abschied, sondern nur eine Transformation auf eine neue politische Ebene", sagt der Fraktionschef.
Das klingt ein bisschen wie die Wandlung in der Kirche. Um 16.10 Uhr ist die Transformation vorbei. Die Türen des Fraktionssaals öffnen sich - und der neue Fischer hat seinen letzten großen Auftritt.
"Ich bin jetzt wirklich weg", verspricht der Ex-Minister. "Die Tür ist zu. Der Schlüssel wird umgedreht und weggeworfen." Alle Spekulationen über eine Rückkehr in die nationale Politik seien "nicht von dieser Welt".
Natürlich stehe er seiner Partei weiter für Rat zur Verfügung - aber erst "mit einigem Abstand" und "immer nur vom Altenteil aus, damit das klar ist". Auch Funktionen in der internationalen Politik reizten ihn nicht.
"Wenn ich allerdings dereinst an die Pforte des Himmels klopfen werde und Petrus mich fragt, ob ich special representative of godfather werden will, werde ich Petrus nicht sagen, das kommt nicht in Frage." Dann entschuldigt sich der sichtlich gut gelaunte Fischer noch für seine zeitweilige Arroganz. Er sei halt oft "wundgerieben" gewesen, ob der großen Belastung.
Es ist halb fünf, als sich Fischer aus dem Bundestag trollt, froh, den letzten Schritt aus dem alten Leben endlich hinter sich gebracht zu haben. Draußen warten Princeton und die große Welt. Drinnen tagen die grünen Abgeordneten weiter - es geht um die Föderalismusreform, den Gesundheitsfonds, das Übliche eben.

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