Ein Jahr auf Bewährung
Horst Köhler
17.06.2005, 17:00
Köhler bei der Bundesgartenschau in München: Er hat repräsentative Aufgaben, aber er mischt sich auch ein. (Foto: AP)
Oslo/Berlin, im Juni – Ein schönes Land, und diese Ruhe hier, himmlisch. Die Fußgängerüberwege in Oslo sind aus hellem Granit, die Flaniermeile Akker Brygge am Hafen ebenfalls komplett frisch in Stein gelegt, die Hauptstadt hat sich rausgeputzt zur Hundert-Jahr-Feier der Unabhängigkeit.
Ein entspanntes Land ist dieses Norwegen, ein Arkadien, gerade für einen politischen Besucher aus dem darbenden Mangel-Deutschland. Hier fällt der Strom als Wasser von den Bergen, und das Öl im Meer beschert einen Reichtum, der die finanzpolitische Debatte Norwegens darauf reduziert, wie viel Ölgeld direkt in den Haushalt fließen soll oder doch besser auf die hohe Kante kommt.
Ein Land also, in dem Milch und Honig fließen und der Fisch die Netze füllt. Das Nationaltheater nahe des Schlossparks spielt, wie um das Idyll komplett zu machen, Pippi Langstrumpf.
» Er staunt über Berlin, und Berlin ist erstaunt. « |
Ein paar Tage ausspannen von den Nöten und den Aufgeregtheiten Berlins: Irgendwie passt der Besucher aus Deutschland, der gerade in einem schuhkartonartigen Raum im Amtssitz des Ministerpräsidenten Kjell Magne Bondevik steht, gut in dieses Norwegen.
Unten am Eingang eines im Vergleich zu den feudalen Bürgersteigen gelinde gesagt funktionalen Waschbetongebäudes hat ihn eine kleine Blaskapelle in Uniform begrüßt, von militärischen Ehren ist ansonsten nicht viel zu sehen. Ein paar Passanten halten an, gucken kurz und gehen ihres Weges.
Oben im Schuhkarton sagt Bundespräsident Horst Köhler dann, Deutschland könne von Norwegen „a certain sense of modesty“ lernen, später am Abend am Kamin des Gästehauses der Regierung wird er von einer „selbstbewussten Bescheidenheit“ sprechen, die ihm imponiere an diesem Land. Jetzt, in der Pressekonferenz im Schuhkarton, preist er den Umgang Norwegens mit seinem flüssigen Nordseegold als Ausdruck eines „longterm thinking“, also einer Politik, die nicht die Saatkartoffeln verfrisst, statt sie zu pflanzen.
Das ist nach dem Geschmack dieses Bundespräsidenten, der, wie inzwischen hinreichend bekannt, im Schwäbischen aufgewachsen ist, wo man den gediegenen Wohlstand hinter einfachen Fassaden versteckt, man lieber einen Mittelklasse-Daimler fährt, obwohl es zur S-Klasse reichen würde.
Ein Jahr ist der Norwegen-Reisende Horst Köhler nun der neunte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, und während sein Vorgänger zu diesem Zeitpunkt seiner Amtszeit mit dem Problem zu kämpfen hatte, zu wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben, ist bei Köhler eher das Gegenteil der Fall.
Von Anfang an war seine Präsidentschaft ein Politikum, kein anderer Präsident hat in so kurzer Zeit polarisiert und sich der parteipolitischen Einflussnahme verdächtig gemacht wie Horst Köhler, der 23 Jahre lang Mitglied der CDU war.
Gift und Galle spuckte zuletzt die Linke der SPD in Richtung Bellevue, alle Regeln der politischen Etikette waren außer Kraft gesetzt. Angela Merkels Präsident, der im Gewand des neutralen Notars für Deutschland als Wegbereiter der Machtübernahme agiert – das ist das Feindbild zum Beispiel des Fraktionsvizes Michael Müller.
Dabei rühmt Köhler den Agenda-Mut des Kanzlers. Es sei womöglich eine „historische List der Vernunft“, dass Rot-Grün die Aufgabe zufiel, den Beginn einer Deutschland-Reform zu markieren, hat er einmal in kleiner Runde gesagt.
Und eben der, der dies sagte, hat es nun selbst in der Hand, das Land in eine neue Ära zu überführen. Paradoxerweise gibt es einerseits Stoßgebete aus dem Kanzleramt, er möge dies doch bitte ohne Vorbehalte tun, zugleich aber kommen gerade aus der SPD Stimmen, die es Köhler schwer machen, diese Entscheidung so zu treffen.
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