Von Normalität weit entfernt

    Homosexuelle in Osteuropa

    04.06.2007, 14:43

    Von Matthias Kolb, Riga

    In Lettland feiern Lesben und Schwule ihre Parade unter Polizeischutz. Die Gegner organisieren ein buntes Festival mit Bands und Luftballons – und dem Motto "Die Welt gegen Homosexualismus".

    (Foto: )

    Natürlich war auch Tinky Winky mit seiner Handtasche in Riga dabei. Der lilafarbene Teletubby ist das neue Symbol der Schwulen und Lesben, seit die Kinderbeauftragte der polnischen Regierung den Verdacht äußerte, die TV-Sendung propagiere Homosexualität.

    Deshalb schwenkten am Sonntag mehrere Teilnehmer die Plüschfigur, als etwa 500 Menschen in der lettischen Hauptstadt die Gay Pride-Parade mit Regenbogenfahnen und Plakaten feierten. Der Umzug fand in einem kleinen Park in der Innenstadt statt, den die Polizei komplett abgeriegelt hatte.

    Im Abstand von zehn Metern standen die Beamten, mehrere Straßen waren mit Eisengittern abgesperrt und die Mitglieder des Sondereinsatzkommandos prüften gut sichtbar ihre Schutzbekleidung. Nur ein Eingang war geöffnet, alle Besucher wurden kontrolliert und es standen mehrere Busse bereit, in denen die Teilnehmer nach Ende der Feier "an einen sicheren Ort" gebracht wurden.

    Innenminister Ivars Godmanis hatte sich auf einem Balkon neben dem Park postiert und konnte so den mehreren hundert Polizisten Anweisungen geben. Es war klar, dass die Regierung Ausschreitungen wie in den beiden Jahren zuvor verhindern wollte, als Neonazis und fundamentalistische Christen mit Eiern und Beutel voller Exkremente auf die Homosexuellen warfen.

    Dieses Mal blieb es relativ ruhig: Etwa 50 meist jugendliche Gegner skandierten "Perverse" und "Päderasten" auf Lettisch und Russisch und verglichen den Park mit einem Zoo. Für die vielen Journalisten und Kameramänner brüllten sie ihre Parolen auch auf Englisch: "You have no right to teach in school" und "Go live on an island". Zwei Gegendemonstranten wurden verhaftet, weil sie Feuerwerkskörper geworfen hatten, doch es wurde niemand verletzt.

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    Die Organisatoren der Gay-Pride-Parade jedenfalls sind zufrieden: "Es ist friedlich geblieben und es kamen mehr Teilnehmer als erwartet", sagt Evita Gosa von der lettischen Homosexuellenorganisation Mozaika. In den Tagen vor dem Umzug fanden Seminare und Gesprächsrunden statt, in denen auch Vertreter der Parteien über die rechtliche Gleichstellung diskutierten - ein wichtiger Schritt in Lettland, wo laut einer aktuellen Umfrage 80 Prozent der Bevölkerung starke Vorbehalte gegenüber Schwule und Lesben haben und sich bisher kein Prominenter geoutet hat.

    Aber es ist immer noch so, dass aus Angst vor Repressionen in Riga vor allem nur die mutigsten Letten mitmarschierten - etwa die Hälfte der Teilnehmer kam aus dem Ausland. Dies werden die Gegner - eine bunte Koalition aus den Kirchen, der neureligiösen Bewegung Neue Generation und der Ersten Partei – sicherlich für ihre Argumentation ausschlachten, Homosexualität sei "unlettisch" und vom Westen importiert.

    Parade im Käfig

    Die Grußworte und Reden kamen auch von Abgeordneten des EU-Parlaments und von Partnerorganisationen. Die Organisatoren der Umzüge in London und Stockholm waren ebenso in die lettische Hauptstadt gereist wie der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck. Er war eine Woche zuvor in Moskau verhaftet und mit Eiern beworfen worden, als er am Rathaus eine Petition zur Versammlungsfreiheit abgeben wollte. "In Riga kann ich rausgehen, ohne Angst haben zu müssen, verhaftet zu werden", sagte Beck im Gespräch mit sueddeutsche.de.

    Er fordert von der Bundesregierung mehr Hilfe für Menschenrechtsgruppen vor Ort, etwa durch eine demonstrative Einladung in die Botschaft, wie diese etwa Briten und Schweden ausgesprochen hätten: "Wir müssen die Leute unterstützen, die vor Ort engagiert sind."

    Auf westliche Besucher wirke es seltsam, eine "Gay Pride"-Parade im Käfig zu feiern, aber es sei ein großer Erfolg für die Schwulen und Lesben in Lettland, dass der Umzug überhaupt stattfinde. Der nächste Schritt müsse jedoch sein, dass die Parade in den Straßen stattfinden kann, sagte Beck weiter.

     
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    Bis dahin wird aber noch eine Weile vergehen. Denn während die Polizei den Vermanes Park abriegelt, veranstalten die Gegner ein Familienfest auf der anderen Seite der Altstadt. Das Motto prangt in riesigen Lettern auf der Bühne: „Die ganze Welt ist gegen die homosexualistische Propaganda. Und du?“ Der Begriff "Homosexualismus" stammt aus der Sowjetzeit und wird gern benutzt, um eine vermeintliche Nähe zu Alkoholismus und Drogenkonsum zu konstruieren.

    Die Zeitung Ritdiena hat das Festival organisiert und unzählige T-Shirts und Aufkleber drucken lassen. Es kommt zu skurrilen Szenen: Kinder im Grundschulalter betteln ihre Eltern um Süßigkeiten an und stecken in Hemden mit dem Schriftzug: "Die ganze Welt und Ritdiena ist gegen Schwule. Ich bin es auch." Kleine Jungen und Mädchen mit schwulenfeindlichen Slogans - das prägt das Stadtbild an diesem warmen Sonntag im Juni. Teenager haben sich die Aufkleber auf ihre Skateboards geklebt und zucken nur mit den Achseln, wenn man nach dem Warum fragt.

    Memorandum des lettischen Volkes

    Homophobie ist in Lettland weit verbreitet. Der Erzbischof von Riga, Kardinal Janis Pujats beschuldigt die Homosexuellen, den Tod der lettischen Nation herbeizuführen: "Ein verfaulter Apfel reiche aus, um die gesunden verfaulen zu lassen". Auch Pujats unterstützt das Festival, zu dem mehrere tausend Besucher gekommen sind. Viele tragen sich in die Unterschriftenlisten ein, um das "Memorandum des lettischen Volkes" zu unterschreiben.

    Es richtet sich an das EU-Parlament sowie das lettische Parlament, den Präsidenten und die Regierung. Darin wird betont, dass die Mehrheit der Letten Schwule und Lesben ablehnt, ihnen keine Minderheitenrechte zugestehen möchte und Homosexualität als heilbare Krankheit ansieht. Und es wird betont, dass sich weder das EU-Parlament noch westliche Stiftungen in lettische Angelegenheiten einzumischen haben.

    Vor der Bühne stehen Neonazis in Springerstiefeln und lassen die rot-weiß-rote lettische Fahne im Wind wehen, während die Rockband dazu aufruft, die Schwulen auszubuhen. Zu sehen ist niemand mit einer Regenbogenfahne, denn im Vorfeld wurden die Teilnehmer der Parade davor gewarnt, das Festival zu besuchen.

    Der Platz war von den Veranstaltern klug gewählt: Auf der Straße nahe des Flussufers finden die Militärparaden zu Ehren der Weltkriegsopfer statt. Dort steht auch die anglikanische Kirche, einer der wenigen Orte, in denen gläubige Homosexuelle beten und Gottesdienste besuchen können. Der Konflikt innerhalb der lettischen Gesellschaft um die Rechte von Schwulen und Lesben ist vor allem eines: ein Kampf um Symbole.

    (sueddeutsche.de)

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    Leserkommentare (5)



    05.06.2007 09:51:47

    amor-fati: Im Hass vereint

    Immerhin in punkto Homophobie herrscht zwischen Russen und ihren Nachbarn Einigkeit.


    1 Besucher hat diesen Kommentar bewertet





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