Überdosis Bayern

    Wahlkampfkrise der Union

    15.08.2005, 17:47

    Von Peter Fahrenholz

    Einen dümmeren Moment hätte sich der CSU-Chef für seine Ost-Tiraden kaum aussuchen können. Doch anders als bei der Wahl 2002 konzentriert sich der CSU-Vorsitzende diesmal auf seine Stammwähler.

     
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    Eigentlich ist CSU-Chef Edmund Stoiber schon viel zu lange im Geschäft, um so einen schweren handwerklichen Fehler zu begehen wie bei seiner Schimpfkanonade gegen den Osten. Denn Stoiber müsste genau wissen, dass politische Attacken leicht zum Rohrkrepierer werden können, wenn der Zeitpunkt falsch gewählt ist.

    Und einen dümmeren Moment hätte sich der CSU-Chef für seine Ost-Tiraden kaum aussuchen können. Denn durch den Ausrutscher von Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, der den neunfachen Kindermord in Brandenburg mit der Verrohung der Ostdeutschen durch die SED-Herrschaft in Zusammenhang gebracht hatte, war das Klima bereits vergiftet.

    Doch während Schönbohm unter dem Druck der eigenen Partei und des heftigen Medienechos kleinlaut zurückruderte, legte Stoiber noch einmal nach – das musste fast zwangsläufig schief gehen.

    Den CSU-Chef treiben dabei vor allem zwei Beweggründe an: die Fixierung auf ein möglichst gutes CSU-Ergebnis in Bayern und die Sorge, dass der Wahlsieg der Union, wie schon im Jahr 2002, in letzter Minute verspielt werden könnte.

    Dass sich Stoiber in diesem Wahlkampf fast völlig auf Bayern konzentriert, ist für die CSU-Kampagne von elementarer Bedeutung. 2002 hat der Kanzlerkandidat Stoiber einen gesamtdeutschen Wahlkampf geführt. Alles Bayerische wurde ihm von seinen Beratern damals so gründlich weggeschminkt, dass in der CSU bereits die Sorge umging, ihr „Edi“ komme für die Bayern zu konturlos daher.

    Diesmal führt die CSU dagegen einen rein bayerischen Wahlkampf, der vor allem ein strategisches Ziel hat: Man möchte am Ende unbedingt wieder, wie schon 2002, stärker werden als die FDP. Denn falls es am Ende zu einer schwarz-gelben Koalition kommt, ist das Stärkeverhältnis der beiden kleinen Partner ganz entscheidend.

    Holt die CSU in Bayern mehr Stimmen als die FDP im ganzen Land, hat Stoiber nicht nur bei der Erfüllung persönlicher Ambitionen mehr Spielraum, auch bei der Durchsetzung politischer Positionen hätte die CSU dann ein größeres Druckpotenzial. Um die FDP zu überholen, kommt es aber nicht nur darauf an, dass die CSU wieder deutlich über die 55-Prozent-Marke kommt.

    Entscheidend ist, dass die Wahlbeteiligung nicht hinter dem Stoiber-Boom des Jahres 2002 zurückbleibt. Denn es kommt auf die absolute Zahl der Wählerstimmen an, nicht auf irgendwelche Prozentsätze. Deshalb ist das wichtigste Anliegen der CSU die Mobilisierung der eigenen Klientel.


    » Es rächt sich jetzt, dass das Wahlergebnis in der Union nie ehrlich analysiert worden ist «

    In Bayern, das weiß die CSU aus vielen Wahlkämpfen, gelingt das am besten mit Zuspitzung und mit jener „Bayern-vorn“-Rhetorik, die die CSU immer gerne in hoher Dosis verabreicht. Wie das außerhalb Bayerns wirkt, ist der CSU dabei erst mal egal.

    Zum zweiten nagt an Stoiber aber immer noch die Niederlage von 2002. Stoiber ist fest überzeugt davon, damals nur durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und diabolischer Tricks des politischen Gegners um den Sieg gebracht worden zu sein.

    Es rächt sich jetzt, dass das Wahlergebnis in der Union nie ehrlich analysiert worden ist. Die CSU hat sofort ihren eigenen, überragenden Stimmenanteil in Bayern herausgestrichen und damit jede Debatte über den Anteil des Kandidaten Stoiber am mäßigen Ergebnis der CDU tabuisiert.

    Dass Nervenstärke in kritischen Situationen nicht zu Stoibers Tugenden zählt, zeigt sich auch jetzt wieder. Die dumme Ausrede, mit den Frustrierten seien nicht die Menschen im Osten, sondern Gysi und Lafontaine gemeint gewesen, hat Stoiber so unter Zugzwang gesetzt, dass er Lafontaine unbegreiflicherweise ein Duell angeboten hat.

    Auf Fehler Nummer zwei folgte dann sofort Fehler Nummer drei: Der CSU-Chef rudert umgehend wieder zurück. Von einem Live-Duell im Fernsehen will das Stoiber-Lager nichts mehr wissen, jetzt geht es nur noch um ein Streitgespräch in einem Print-Medium.

    (SZ vom 16.8.2005)

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