Auf die Frage, ob er denn im Wahlkampf genug Rückenwind aus Berlin verspürt habe, sagte der zweistellige Verlierer Milbradt am Montag: „Die Unterstützung durch Frau Merkel war mehr als ausreichend.“

Großartig, könnte da Siegmund Freud aus dem Grabe rufen. Merkel bemüht sich seit Monaten vor dem Hintergrund einer lebensgefährlich schwächelnden SPD, die neue, einige, stark geführte Union zu repräsentieren.

Allein, kaum einer weiß, was an dieser Union in diesen Tagen neu, einig oder stark geführt sein soll. Merkels Kopfpauschale für den Zahnersatz geht den Bach hinunter; ihrer Türkei-Politik wird in der CDU öffentlich widersprochen; Stoibers Distanzierung von der Berliner Leichtmatrosin und ihrem Kombüsengefährten Westerwelle wird auch im CDU-Präsidium mit Grinsen quittiert.

Wind aus allen Richtungen


Nein, aus dem Konrad-Adenauer-Haus bläst derzeit der Wind aus allen
Richtungen und sicher nicht in den Rücken der Wahlkämpfer in den Ländern.

Zu wenige wissen, wofür Angela Merkel wirklich steht. Und zu viele befürchten, dass sie vom Schröder-Virus – „Ich will da rein“ – infiziert ist, ohne Schröders zaunbrechende Fähigkeiten zu haben.

Für die CDU war, um Müntefering zu paraphrasieren, der Wahlsonntag so: Brandenburg schlecht; Sachsen noch schlechter; Glück ab, Angela Merkel.

Für uns alle hat er gezeigt, dass der Osten anders ist als der Westen und deswegen auch anders wählt. In keinem Bundesland westlich der Elbe würden Rechtsradikale in die Nähe der Zweistelligkeit kommen.

Nach Sachsen-Anhalt 1998 (die DVU bei 12,9 Prozent) ist Sachsen 2004 der zweite Fall und hoffentlich nicht der Beginn einer widerwärtigen Serie.

Ossi, und stolz drauf


Die PDS hat sich, von der aktuellen Wutwelle beschleunigt, als die Regionalpartei der Enttäuschten stabilisiert. Trotz ihrer kursorischen Versuche, im Westen die Nostalgie-Sozialisten abzugreifen, bleibt sie jene Partei, die am ehesten das Lebensgefühl vieler zwischen Saßnitz und Plauen widerspiegelt: Ossi, und stolz darauf.

Hartz IV wird im Osten vielerorts als West-Gesetz verstanden. Solange diese Kategorien bedeutend bleiben, wird die PDS gedeihen.

Das Wahlverhalten der Menschen im Osten ist, wie man so schön sagt, volatiler als das der Bürger im Westen. Im Osten kommen Politiker an die Spitze – zum Beispiel Harald Ringstorff oder Wolfgang Böhmer – , die im Westen mutmaßlich vor ihrem Aufstieg in den Parteigremien zerrieben würden.

Der relative Erfolg der SPD in Brandenburg ist ohne die Person des Ministerpräsidenten Matthias Platzeck nicht zu erklären. Platzeck ist so etwas wie eine unrasierte, modernere Ausgabe von Manfred Stolpe – und der war in Brandenburg trotz aller ökonomischen Misserfolge populär wie die Kiefern im märkischen Sand.

(SZ vom 21.9.2004)

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