Auf den Ruinen eines Volkes

    Außenansicht zu 60 Jahren Israel

    06.05.2008, 8:28

    Eine Außenansicht von Fuad Hamdan

    Der Staat Israel konnte nur entstehen, indem die Palästinenser für Verbrechen bezahlten, die sie nicht begangen hatten.

    Israelische Soldaten an der Grenze zum Gaza-Streifen, dpaGrossbild

    Ein Land in permanentem Kriegszustand: Israelische Soldaten 2005 an der Grenze zum Gaza-Streifen. (Foto: dpa)

    In diesem Monat wird der Staat Israel den 60. Jahrestag seiner Gründung begehen, ein Ereignis, dem in vielen Ländern feierlich gedacht werden dürfte.

    Aus der Sicht der Israelis und der mit ihnen verbundenen westlichen Länder und Menschen ist diese Staatsgründung ein Grund zum Feiern. Nach der menschlichen und zivilisatorischen Katastrophe im Europa des 20. Jahrhunderts konnte es unter ethisch-moralischen Aspekten keine andere Lösung geben, als den Juden einen eigenen Staat zuzubilligen.

    Der ewige europäisch-christliche Antisemitismus war auch der Grund für die Entstehung des Zionismus, der jüdischen Nationalbewegung im Europa des 19. Jahrhunderts, der schließlich politisch und militärisch die Gründung des jüdischen Staates gegen den Willen der einheimischen arabischen Bevölkerung Palästinas erzwang.

    Für Europa war das Problem durch die Gründung eines jüdischen Staates gelöst beziehungsweise ausgelagert. Aber damit begannen für andere, für die Palästinenser, die Probleme. Die jüdische Staatsgründung markiert den Beginn der Nakba, der palästinensischen Katastrophe.

    Im Gegensatz zu Großbritannien, Frankreich und anderen Staaten, die früher Kolonialismus in anderen Teilen der Welt betrieben, ging es den Zionisten nicht um die Ausbeutung von Bodenschätzen und anderen Ressourcen. Sondern sie sahen es auf den Grund und Boden der Einheimischen ab. Die jüdische Landnahme zielte darauf, den Boden Palästinas zu judaisieren.

    Es war naiv zu glauben, die Palästinenser - oder irgendein anderes Volk - würden dem Plan der Zionisten und der Briten zu einem jüdischen Staat in Palästina zustimmen. Warum auch? Die Palästinenser hatten keine Ahnung, was den Juden Europas widerfahren war. Und selbst wenn sie es gewusst hätten: Warum hätten sie für Verbrechen bezahlen sollen, die sie nicht begangen haben?

    Nachdem die Bilder von Auschwitz bekannt wurden und jedermann das Ausmaß der Katastrophe erkennen konnte, musste die Weltöffentlichkeit also der Gründung eines jüdischen Staates zuzustimmen. Die Tatsache, dass dabei einem anderen Volk Unrecht widerfahren würde, musste dabei außer Acht gelassen werden. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache: Die palästinensische Tragödie ist eine Folge der jüdischen Tragödie in Europa.

    Man kann es drehen und wenden wie man will, und bei aller Sympathie und Mitgefühl für die Opfer: Der israelische Staat entstand auf den Ruinen eines anderen Volkes. 700.000 Menschen verloren ihre Heimat, mehrere hundert Dörfer wurden durch die jüdischen Verbände dem Erdboden gleichgemacht. Heute würde man das ethnische Säuberung nennen.

    Ein Meer aus diktatorischen und korrupten arabischen Staaten

    63 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und 60 Jahre nach der israelischen Staatsgründung gedenken und feiern Europäer sowie Nordamerikaner die Staatsgründung Israels.

    Die Nakba, die Vertreibung und Entrechtung eines ganzen Volkes, wird verschwiegen. Im Gegenteil, man hat kein bisschen Verständnis dafür, dass die Palästinenser sich wehren und sich mit dem an ihnen begangenen Unrecht nicht abfinden wollen. Und doch, Unrecht bleibt Unrecht, auch nach sechzig Jahren.

    vorherige Seite  vorherige Seite     1 | 2     nächste Seite   nächste Seite

    ANZEIGE

    mehr ...


    Themen

    Weitere Artikel in Politik

    Leserkommentare (138)



    07.05.2008 18:59:05

    Expat: DANKE

    Liebe SZ!

    Danke für die Veröffentlichung dieses Artikels. Wenn Sie auch Strattos Beitrag von 15:12.29, den er nachträglich erneut paraphrasiert hat, veröffentlicht hätten, würde ich hoffnungsvoll tatsächlich an den "Paradigmenwechsel" in Ihrem Blatt glauben, den ein Vorredner angesprochen hat.Denn: Egal, was Sie bisher zu unterbinden versuchten durch Nicht-Veröffentlichung - die Menschen machen sich ihre eigenen Gedanken und erlegen sich keine freiwillige Selbszensur hinsichtlich der Auswahl und Behandlung der Themen auf.Ich habe jedenfalls alle 29 Seiten der bisherigen Beiträge mit großem Interesse gelesen.Bitte mehr davon.

    @alle: Ich glaube, mit der Charakterisierung dieses Artikels als "Außenansicht" will sich die SZ distanzieren vom Inhalt des Artikels insofern, als sie ihn nicht als Meinung des Blattes wiedergibt, sondern eben als: Außenansicht.


    6 Besucher haben diesen Kommentar bewertet




    vorherige Kommentare neuere Kommentare 1 | 2 | 3 | 4 | ... | 28 ältere Kommentare nächste Kommentare

    Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


    "Ich kann nur kurze Sätze": Franz Müntefering verlässt die Politik - zum Abschied haben wir seine besten Sprüche gesammelt.
    Das Magazin "Forbes" hat die mächtigsten Personen der Welt aufgelistet. Gut platziert: Ein Drogenboss und ein Terrorist.
    Was der Präsident sagt, ist mir egal - in Silvio Berlusconis Vita mangelt es nicht an Entgleisungen wie dieser. Ein Worst-of in Bildern.
    George W. Bush massiert Angela Merkel, Paul Wolfowitz trägt löchrige Socken und Sarah Palin weiß wenig von der Welt: Ein Vote in Bildern.

    ANZEIGE

    Anzeige: Die Seite 3 - Reportagen aus fünf Jahrzehnten
    Bilder aus der Politik
    Kritikern nannten ihn einen linken Scharfmacher, doch Oskar Lafontaine hatte noch viel vor. Nun bremst ihn ein Krebsleiden.
    Der US-Präsident auf Asien-Reise: Wie Obama um die Gunst der Chinesen wirbt.
    Van Rompuy und Ashton treffen auf breite Zustimmung. Das neue Führungsduo der EU geht mit vielen Vorschusslorbeeren an die Arbeit.
    Nach der dramatischen Wahlniederlage stellt sich die SPD neu auf: Wer neben dem Parteichef Sigmar Gabriel künftig das Sagen hat.
    Süddeutsche Zeitung Photo
    Armutsflüchtlinge aus Afrika
    Die EU erlebt seit Jahren an ihren südlichen Grenzen einen gewaltigen Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika. Zu tausenden und unter Einsatz ihres Lebens stürmen sie die Wohlstandsgrenze, getrieben von der vagen Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Viele sterben auf dieser Reise und wer ans Ziel kommt, ist dort nicht willkommen. mehr...
    Politik transparent gemacht
    Über abgeordnetenwatch.de können Sie Ihre Bundestags-Abgeordneten vor Ort online befragen. Einfach Ihre Postleitzahl eingeben und los geht's! Suchen Sie nach bestimmten Themen oder Abstimmungen? Dann geben Sie einfach ein Schlagwort ein.

    Postleitzahl oder Schlagwort:

    Link auf abgeordnetenwatch.de