Staat oder Leben

    Kommentar

    02.12.2005, 17:40

    Von Heribert Prantl

    Es sagt sich so leicht: Deutschland darf nicht nachgeben. Es sagt sich so leicht: Die Republik darf nicht erpressbar werden. Aber die Konsequenzen können tödlich sein.

    steinmeier, ap

    Außenminister Frank- Walter Steinmeier im Zentrum des Krisenstabs. (Foto: AP)

    Solche Sätze können zum Tode führen, solche Sätze opfern das Opfer. Solche Sätze sind nicht brutal, weil sie nicht roher Gesinnung entspringen, sie sind aber letal. So könnte es, wenn es schlimm käme, auch im Fall der Archäologin Susanne Osthoff kommen. Hier soll die Bundesregierung gezwungen werden, ihr ziviles Engagement im Irak zu beenden.

    Nie nachgeben, nicht erpressbar werden: Solche Devisen eignen sich nicht für großspurige Auftritte, nicht zum Haschen nach Beifall, nicht zur bloßen Demonstration von Entschlossenheit. Entschlossenheit muss subtil praktiziert, sie darf aber nicht offensiv verbalisiert werden.

    Die Konsequenz aus solchen Sätzen kann für den Politiker, der sie verantworten muss, furchtbar sein. Aus den Mitgliedern eines Krisenstabes, die "Nein" sagen müssen zu erpresserischen Forderungen, können Täter werden – wenn auch ohne Tatherrschaft und wider Willen.

    Die Bitte um Vergebung

    Deutschland muss sein Verhältnis zum islamistischen Terrorismus nicht klären. Es ist geklärt. Deutschland steht auch nicht unerfahren und schon gar nicht naiv vor den Herausforderungen von Terroristen: Das Land und seine führenden Politiker haben sie schon einmal durchlitten.

    Am 26. Oktober 1977 stand ein tief bewegter und gefasster Bundespräsident, es war Walter Scheel, in der Sankt-Eberhard-Kirche zu Stuttgart, um sich vor dem Schmerz der Angehörigen eines prominenten Opfers zu verneigen, das der Staat der Staatsräson geopfert hatte: "Im Namen aller deutschen Bürger bitte ich Sie, die Angehörigen von Hanns Martin Schleyer, um Vergebung."

    Ein RAF-Kommando hatte den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer entführt und vergeblich die Freilassung der im Gefängnis Stammheim einsitzenden Genossen verlangt. Schleyers Leiche wurde drei Tage nach der ablehnenden Entscheidung des Krisenstabs gefunden. Das ist fast dreißig Jahre her.

    Aber die Bilder von damals und die Videos heute gleichen sich: Das Bild vom Gefangenen, dem sie ein Schild "Seit 31 Tagen Gefangener der RAF" um den Hals gehängt hatten, und die Videos von entführten Aufbauhelfern und Journalisten im Irak, hinter denen islamistische Henker posieren, die den Namen ihres Gottes missbrauchen. In diesen Bildern liegen Resignation und Verzweiflung, manchmal auch Spuren von Hoffnung. Oft vergeblicher Hoffnung. Bei Schleyer war es so, bei vielen Opfern im Irak ist es auch so.

    Der RAF-Terrorismus ist Geschichte. Die Terroristen von heute heißen nicht mehr Gudrun Ensslin, Andreas Baader oder Ulrike Meinhof. Der Terrorismus heißt jetzt Ansar al-Islam, al-Tawhid, Mussab al-Sarkawi oder Riduan Isamuddin. Oft weiß man gar nicht mehr, mit wem man es zu tun hat.

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