Von Thomas Urban

Der Pole klaut, der Deutsche beschönigt die Nazi-Zeit - beide Länder benutzen für ihre Witze am liebsten gängige Vorurteile.

Merkel, Kaczynski, Reuters

Lech Kaczynski und Angela Merkel konnten beim EU-Gipfel im Juni miteinander lachen. Foto: Reuters

Der deutsche Großvater schaut mit dem Enkel ein altes Fotoalbum an. Ein Foto zeigt den Großvater als Jungen in Uniform. ,,Opa, wer ist denn der Mann da mit diesem quadratischen Schnauzbart?‘‘

Der Großvater antwortet: ,,Das ist der Hitler, der war ein ganz Böser!‘‘ ,,Opa, warum streckst du denn deinen Arm so nach oben?‘‘ Der Großvater: ,,Ich habe gerufen: Halt, Herr Hitler, bis hierhin und nicht weiter!‘‘

Mit diesem Witz eröffnet der deutsche Kabarettist Steffen Möller sein Programm, das er einen ,,Streifzug durch die deutsch-polnischen Befindlichkeiten‘‘ nennt. Möller ist in Polen ein Medienstar, er macht bei Showprogrammen mit und spielt in der populären Seifenoper ,,L wie Liebe‘‘ (M jak Milosc) einen guten Deutschen, nämlich einen Verlierer, dem die Frauen weglaufen.

Mit seinem Kabarettprogramm füllt er Riesensäle, er frotzelt und provoziert, sagt aber auch viele nette und spaßige Dinge über die Polen. Sein erstes Buch, das ein riesiger Verkaufserfolg wurde, hatte folgerichtig den Titel: ,,Polen ist ein Land zum Liebhaben‘‘.

Möller weiß, wie sehr es die Polen umtreibt, sie kränkt und empört, dass man in Deutschland diese Witze erzählt, die vor allem um ein Motiv kreisen: Der Pole klaut. Also beginnt sein Programm mit einem polnischen Deutschenwitz, dem vom Hitlergruß, der als Akt des Widerstandes verfälscht wird. Der ganze Saal rast vor Begeisterung.

Da gibt es endlich einen Deutschen, der den angeblichen Drang vieler Deutscher, ihre Rolle in der Nazi-Zeit zu beschönigen, ironisch aufspießt. Doch dann grinst Möller breit und sagt ins Mikrofon: ,,Ja, das habe ich mir gedacht, dass ich euch mit solch einem billigen Witz kaufen kann!‘‘

Die hackenschlagenden Deutschen sind vor ein paar Jahren als Witzfiguren in die polnischen Medien zurückgekehrt. Dabei hatten vor allem Politiker aus der Bundesrepublik nach der ersten Versöhnungswelle Anfang der neunziger Jahre immer wieder zu verstehen gegeben, wie erleichtert sie seien, dass nicht mehr jedes offizielle deutsch-polnische Gespräch ,,mit Hitler anfängt und mit Hitler aufhört‘‘. Doch während Politiker von Versöhnung redeten, überschwemmten Polenwitze das vereinigte Deutschland, was die Politologen völlig überraschte.

Denn in der alten Bundesrepublik war das Polenbild zuletzt eher positiv gewesen. Durch den Grauschleier, durch den die Westdeutschen in den Ostblock blickten, erstrahlte die Gewerkschaft Solidarität auf, die sich tapfer und friedlich dem Sowjetkoloss entgegenstellte. Die Westdeutschen schickten Millionen Pakete nach Polen - ,,aus schlechtem Gewissen wegen Hitler‘‘, befand damals Jerzy Urban, der zynische polnische Regierungssprecher.

In der DDR aber gab es kaum Verständnis für die Solidarnosc. Die Mehrheit war wohl froh, dass Ostberlin damals die Visafreiheit für Polen aufhob. Aus dieser Zeit rührt der Witz: ,,Warum wird im großen Kaufhaus am Alexanderplatz alle halbe Stunde die polnische Nationalhymne gespielt? Dann müssen die Polen strammstehen, und die DDR-Bevölkerung hat für ein paar Minuten die Chance, selbst Einkäufe zu machen.‘‘

Die diskriminierenden Polenwitze der 90er Jahre waren indes ein gesamtdeutsches Phänomen. Wissenschaftler haben vielfältige Erklärungen dafür gesucht, beginnend mit dem Verweis auf die Wirklichkeit. Die polnische Automafia war ja real. Sie war Teil der Verbrechenswelle, die damals alle ehemaligen Ostblockländer erfasste, weil deren Polizei nicht darauf vorbereitet war. Hinzu kam, dass die Führung in Warschau nur zögerlich auf die Angebote aus dem Westen einging, beim Kampf gegen die organisierte Kriminalität zusammenzuarbeiten. Man wollte sich nicht gleich in die gerade wiedererlangte Souveränität hineinreden lassen.

Jedenfalls wurde das Thema nicht nur Gegenstand der Medienberichterstattung, sondern sogar mehrerer ,,Tatort‘‘- Krimis. Von da war es nicht weit zu den Polenwitzen, die Vorurteile wiederbelebten, wie sie seit mehr als zwei Jahrhunderten existierten. Dazu liegen Studien vor, etwa der Band ,,Polnische Wirtschaft‘‘ des Posener Historikers Hubert Orlowski. Er belegt ebenso wie der Warschauer Historiker Tomasz Szarota in seiner Untersuchung mit dem Titel ,,Der deutsche Michel‘‘, wie in diese Polenbilder die alte deutsche Idee von der kulturellen Überlegenheit über die Nachbarn im Osten hineinspielt, die ihre extreme Ausformung in der Nazi-Parole vom ,,slawischen Untermenschen‘‘ fand.

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