Von M. Widmann

Hilflos und alleingelassen fühlen sich Soldaten, die im Auslandseinsatz traumatisiert wurden. Der Bundestag sorgt nun für bessere Hilfe.

Bundeswehrsoldat in Afghanistan; ddp

Stets in Gefahr: Ein Bundeswehrsoldat beobachtet am Stadtrand von Kundus. (Foto: ddp)

Als ihn zehn Monate nach seinem Einsatz in Afghanistan plötzlich diese furchtbaren Bilder toter Kameraden überkamen, dazu das Zittern und die schweißnassen Hände, fühlte sich Christopher Plodowski einfach nur hilflos - und alleingelassen.

"Es gab keinen, der sich um mich gekümmert hat", sagt der Bundeswehr-Major. Sein Truppenarzt hatte "keine Ahnung" von der Krankheit namens Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die dem Soldaten aus dem hessischen Allendorf bis heute das Leben zur Qual macht. "Das Thema wurde lange nicht richtig behandelt", befand unlängst auch der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe (SPD).

Künftig soll die Versorgung traumatisierter Soldaten deutlich besser werden - das forderte das Parlament am Donnerstag einstimmig von der Regierung.

So soll bald eine "zentrale Ansprechstelle" für Trauma-Opfer und ihre Angehörigen entstehen, dazu ein Kompetenzzentrum zur Erforschung der Krankheit. Das Papier von Union, SPD, FDP und Grünen verlangt auch eine Telefon-Hotline, an die sich die Soldaten anonym wenden können. Und führende Offiziere sollen auf ihren Lehrgängen künftig das Kapitel "Psychotrauma" studieren.

"Die Nachbereitung muss entschieden verbessert werden", konstatiert der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, Ulrich Kirsch. Schließlich steigt laut Verteidigungsministerium die Zahl der traumatisierten Soldaten allein aus dem Afghanistan-Einsatz rasant: von 55 im Jahr 2006 über 130 in 2007 auf 226 im vergangenen Jahr.

Wie so ein Trauma im schlimmsten Fall enden kann, zeigt das Beispiel eines Hauptgefreiten aus Potsdam, der offenbar das Erlebnis nicht verarbeiten konnte, wie in Kabul ein kleines Mädchen in seinen Armen starb. Er versuchte sich das Leben zu nehmen, indem er sich die Pulsadern aufschnitt. Schließlich wurde der 22-Jährige nach einem bewaffneten Raubüberfall von der Polizei getötet. "Er wollte erschossen werden", sagten seine Freunde anschließend.

Besonders ungenügend war die Betreuung bislang für Veteranen wie diesen Potsdamer, die nach dem Auslandseinsatz die Truppe verlassen hatten. Sie seien "häufig durch den Rost gefallen und wurden praktisch vernachlässigt", sagt ein Experte.

Der Bundeswehr-Psychiater Roger Braas berichtet, dass längst entlassene Teilnehmer der frühen Auslandseinsätze in den neunziger Jahren zum Teil erst jetzt kämen, um sich behandeln zu lassen. Der Arzt des Koblenzer Bundeswehrkrankenhauses warnt vor irreparablen Schäden: Wenn ein Soldat jahrelang wegen des Traumas unter Schmerzen oder Depressionen leide und sich nicht behandeln lasse, würden die Symptome irgendwann chronisch.

Jetzt verlangt der Bundestag ausdrücklich, Soldaten "auch nach deren Entlassung aus der Bundeswehr beim Auftreten einer PTBS zu unterstützen".

Für Major Plodowski, den die schrecklichen Bilder noch heute jeden Tag bis zu 20 Mal anfallen, ist das nur "überfällig". Genauso der Punkt, dass künftig bei der obligatorischen "Rückkehrerbegutachtung" der Fragebogen für die Ärzte um das Feld "psychische Belastungen" erweitert werden soll.

Von sich aus, sagt der Offizier, hätten nämlich nur die wenigsten Betroffenen die Kraft und den Mut, Hilfe zu suchen. Die Bundeswehr müsse sich aktiver um die Zurückgekehrten kümmern. Derzeit versorgen die psychiatrischen Abteilungen der Bundeswehrkrankenhäuser die Trauma-Opfer. Doch nicht jeder Soldat weiß das; und in der Bundeswehr gilt es nicht gerade als schick, zum "Seelenklempner" zu gehen, wie es Wehrbeauftragter Robbe sagt.

Im Fall von Major Plodowski war es ein Selbstmordanschlag auf seinen Bus im Juni 2003, der ihm den Arm zerfetzte, das Gehör zerstörte - und das Trauma auslöste. Ein Marineoffizier erzählt, dass ihn bis heute die Bilder von seiner Zeit im Kosovo 1999 verfolgen. Damals musste er offene Massengräber inspizieren, frischverbrannte Leichen, Folterkeller. Zum Arzt ging er erst, als sich seine Frau von ihm trennte. Sie hielt seine pausenlose Gereiztheit nicht mehr aus.

Ein anderes Problem jedoch bleibt vorerst ungelöst: Der mitunter nervenzehrende Kampf der Betroffenen um die Höhe ihrer Entschädigung. Major Plodowski stritt sich vor Gericht zweieinhalb Jahre mit der Wehrverwaltung, ließ unzählige Gutachten anfertigen, ehe ihm statt 40 schließlich 70 Prozent Minderung der Erwerbsfähigkeit attestiert wurden. "Unwürdig", findet er das. Ende des Monats verlässt er jetzt wohl die Armee; aber die Bilder des Krieges nimmt er mit.

(SZ vom 13.02.2009/cag)

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Leserkommentare (7)



26.03.2009 15:10:26

vorschein: Was ist mit den traumatisierten Afghanen? Wann koennen sie endlich vor Ihre Huette

treten ohne in das Gesicht eines Besatzungssoldaten zu blicken.Oder wann koennen

sie endlich wieder heiraten ohne von einer US-Drohne pulverisiert zu werden.

Buerger in Uniform hoert auf zu jammern und geht nach Hause,


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