Als Herausgeber wird der Hamburger SPD-Politiker Michael Naumann wohl nicht mehr zur Zeit zurückkehren. Dafür zeigt er dort Parteichef Kurt Beck die Grenzen auf.
Zurzeit als Herausgeber der "Zeit" beurlaubt: Michael Naumann Foto: ddp
Auf Seite fünf der aktuellen Ausgabe der Zeit steht ein interessanter Artikel. Es ist eine Art Essay, aber auch eine Art SPD-Hausmitteilung. Unter der Überschrift "Wohin treibt die SPD?" schreibt kein Geringerer als Michael Naumann, der Spitzenkandidat der Hamburger Sozialdemokraten bei der letzten Bürgerschaftswahl und zugleich langjähriger Spitzenjournalist eben jenes Blattes, in dem seine pointierte SPD-Analyse erscheint.
Es handelt sich also in wahrstem Sinne um einen Beitrag in eigener Sache. Er könnte auch betitelt sein mit der Frage: "Wohin treibt Naumann?" In einem Kästchen erklärt die Redaktion der Zeit zu dem schreibenden Abgeordneten der Bürgerschaft, dass er seit März 2007 "als Herausgeber der Zeit beurlaubt" sei. So viel Offenheit muss sein.
Alles deutet darauf hin, dass Michael Naumann aus diesem Urlaub nicht mehr in die Redaktion der Zeit zurückkehren wird. Sein Vertrag als Herausgeber ist ohnehin nur bis zum Ende des Jahres 2008 datiert. Die letztmalige Verlängerung vor zwei Jahren war offenbar eine der letzten Taten des Verlegers Dieter von Holtzbrinck gewesen, bevor er aus dem Familienunternehmen ausschied. Mit dem Stuttgarter hatte sich Naumann stets gut verstanden, für ihn hatte er zuerst den Rowohlt-Verlag in Reinbek bei Hamburg und dann in New York andere Buchhäuser geleitet.
Unterschied zu Helmut Schmidt
Nach Stand der Dinge ist Naumann niemand, mit dem Dieters Halbbruder Stefan von Holtzbrinck - der jetzige Unternehmenschef - auf Sicht plant. In der Zeit-Redaktion wiederum ist "Mike" Naumann einerseits sehr beliebt - manche aber fragen sich auch, wie der SPD-Kämpfer jemals wieder mit der nötigen Distanz und Draufsicht über deutsche Innenpolitik schreiben könnte.
Da ist eben ein Unterschied zu Helmut Schmidt, 89, dem prominentesten Herausgeber der Zeit. Schmidt hatte ebenfalls jahrzehntelang für die SPD Politik gemacht, er ist aber in Erinnerung geblieben als Bundeskanzler und Weltökonom, weit erhoben über den tagespolitischen Tiefebenen.
So dürfte Naumanns Fremd-Eigenbeitrag in der aktuellen Zeit eine Ausnahme bleiben, auch wenn die Kapriolen seiner Partei Stoff für eine wöchentliche Kolumne böten. Auf Fragen nach seiner journalistischen Zukunft, die ihm sueddeutsche.de stellte, antwortete der anglophile Ex-Kulturstaatsminister mit einem netten Satz: "I’d rather not ..." - das würde er lieber nicht machen.
Fraglich ist allerdings, ob der 66-Jährige als Hamburger SPD-Größe eine Zukunft hat. Die CDU und die Grünen befinden sich bekanntlich in ernsthaften Koalitionsgesprächen, die SPD schaut zu. Und als Oppositionsführer auf Dauer mag man sich den Intellektuellen Naumann nicht richtig vorstellen. Er selbst hatte es wohl als seine bürgerliche Pflicht gesehen, Politik am schwierigen Ort mitzugestalten - was konkret hieß, Rot-Rot-Grün in Hamburg zu verhindern.
Naumann, der Agendafreund von Gerhard Schröder, lässt in seinem Zeit-Stück keinen Zweifel an seinen Präferenzen: Die SPD müsse "Vertrauen in der Mitte der Gesellschaft zurückerobern", findet er und das bedeute: "In Westdeutschland eine klare Absage an zukünftige Tolerierungs- oder Koalitionsabkommen mit der ’Linken’ auf allen Ebenen, bei Strafe von Stimmenverlusten in der bürgerlichen Gesellschaft."
Gefrorene Gesichtszüge
Das Verdikt bedeutet aber auch eine klare Absage an die Politik des amtierenden Parteivorsitzenden Kurt Beck, der den Hamburgischen SPD-Spitzenmann wenige Tage vor der Wahl ausgerechnet in der Hansestadt desavouiert hatte. Bekanntlich hatte Beck da im Ratskeller beim Dessert in trauter Runde - mit Naumann und einigen Journalisten - ausgeplaudert, dass sich Andrea Ypsilanti in Hessen ja sehr wohl mit den Stimmen der Linken zur Ministerpräsidentin wählen lassen könne. Naumanns Gesichtszüge gefroren.
Diese Keller-Geschichte hat er nicht vergessen. Sie brachte ihn um Stimmen und Chancen. Und so kann man davon ausgehen, dass sein Urteil über den politischen Gestalter Beck höchstens gnädig ausfällt - vielleicht bringt Naumann deshalb jetzt eine SPD-Mitgliederumfrage ins Spiel, die den Kanzlerkandidaten der Partei für die Bundestagwahl 2009 bestimmen könnte. Er beschreibt das für den Fall, "wenn sich der Parteivorsitzende seiner Kanzlerkandidatur nicht sicher ist" und garniert das mit einer Erinnerung an den unglücklichen Rudolf Scharping, der sich ja auch so durchgesetzt habe.
Manche Rache ist wirklich süß wie ein Dessert.
Außerdem liest sich Naumanns Zeit-Artikel wie eine Warnung vor Klaus Wowereit: "Jedermann in der SPD ahnt, dass der tüchtige Regierende Bürgermeister Berlins spätestens im Jahr 2013 mit den Stimmen der Linken zum Bundeskanzler gewählt werden möchte." Die SPD preist Naumann, der Anwaltssohn aus dem anhaltinischen Köthen, noch für "ihre antifaschistische und antikommunistische Standfestigkeit".
Eigentlich wären Naumanns Hamburgensien auch etwas für Die Neue Gesellschaft gewesen oder für den Vorwärts - aber schließlich ist er der Zeit ja seit vielen Jahren verbunden. Außerdem haben so wirklich mehr Leute mitbekommen, wohin die SPD treibt und was ein urlaubender Zeit-Herausgeber macht.
(sueddeutsche.de/plin)





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