Ein Leben wie ein böser Spuk

    Amoklauf von Emsdetten

    21.11.2006, 17:10

    Von Bernd Graff

    Spurensuche im Internet: Was Sebastian B. in den letzten Monaten vor der Tat umgetrieben hat.

    Martialische Phantasien: Zunächst lebte Sebastian B. diese nur als ResistantX im Internet aus. (Foto: ddp)

    Das Drama von ResistantX, wie sich Sebastian B. selbst nannte, wenn er durch das Internet irrte, wurde offenbar, als er tot in seiner ehemaligen Schule lag. Kaum machten Details zum Amoklauf von Emsdetten die Runde, kaum meldeten Agenturen einen Vornamen und den ersten Buchstaben des Nachnamens, da brummten im Internet schon die Suchmaschinen.

    Denn wenige Angaben wie Name, Wohnort, Alter genügen, um die Identität eines Netzbewohners, eines ,,Netizens‘‘, ausfindig zu machen. Doch was für spukhafte Existenzen sind das. Kaum hatte man den wenigen Angaben zur realen Person die Puzzlesteine einer virtuellen Existenz wie ResistantX hinzugefügt, kaum hatten sich Spuren seiner Umtriebe in Web und Foren gefunden, da waren sie auch schon getilgt.

    Was die Suchmaschinen an Fundstellen anzeigten, und es waren nicht wenige, verschwand im Nu, nahezu gleichzeitig gelöscht von umtriebigen Webmastern, die wohl mit einem Amoklauf nicht in Verbindung gebracht werden wollten. Damit endete auch B.s Schattenexistenz, ein flüchtiger Hauch von Bits.

    Und doch: Wenn man die Cache-Mechanismen des Webs nutzt, also die Möglichkeit, alte Netzzustände aufzurufen, dann kann man anhand dieser Konserven das Bild eines offenbar völlig vereinsamten und verbitterten, ebenso hasserfüllten wie hilflosen Jugendlichen nachzeichnen, der Teile seines Lebens in diese Scheinwelt des Virtuellen verschoben haben muss. Dort lebte und sprach er aus, was er im realen Leben niemandem anzuvertrauen wagte.

    ,,Krieg kann man nicht spielen‘‘

    Sebastian B. war in unterschiedlichen Foren, auf Webseiten mit verschiedensten Schwerpunkten unterwegs. Es gibt Bilder von ihm in martialischen Posen, wie er narzisstisch Aufmerksamkeit heischt und sich in Machogetue gefällt - seine Signatur unter jedem Eintrag lautete: ,,Krieg kann man nicht spielen.‘‘

    Es findet sich aber auch seine Bitte um Hilfe beim Erstellen des Lageplans seiner Schule, die er mit dem Spiel Counter-Strike anfertigen wollte, ganz so, als ob es sich um Bastelanleitungen handele. Man findet seine Empfehlung für eine Softgun-Maschinenpistole. Und daneben den unverhohlenen Hilfeschrei oder seinen späteren bitter-abgeklärten Abschiedsbrief kurz vor der Tat, in dem es heißt: ,,Ich erkannte, dass die Welt wie sie mir erschien, nicht existiert, das sie eine Illusion war, die hauptsächlich von den Medien erzeugt wurde.‘‘

     
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    B.s virtuelles Auftreten ist kaum weniger illusionär, wirkt fahrig und verzettelt, in unterschiedlichsten Kommunikationssträngen verknäult, aber nirgends fest vertäut und dauerhaft verortet. Man gewinnt den Eindruck eines unsteten Zappings zwischen Lebensberatung und Bombenbau, zwischen Waffenkauf und Flirtbörse.

    Schattendasein im Netz

    Während die reale Person Sebastian B. von Schulkameraden und Lehrern zunehmend als ,,äußerst verschlossen‘‘ geschildert wird, als Einzelgänger, der lieber vor dem Computer hockte, schreibt er über sein unmittelbares Umfeld: ,,Ich verabscheue diese Menschen‘‘, um sich sofort korrigieren, ,,nein, ich verabscheue Menschen‘‘.

    Je mehr B. sich dem realen Leben verschließt, umso flirrender werden die Aktivitäten seines Alter Egos ResistantX. So muten dessen Postings an wie aus einer Jeckyll-und-Hyde-Geschichte; er mutiert zur virtuellen Existenz Hyde, die im Netz kein Blatt vor den Mund nimmt und sogar unmissverständlich um Hilfe fleht.

    Offenbar liegt die Hemmschwelle, sich einer wildfremden Öffentlichkeit anzuvertrauen, weitaus niedriger als die, Rat im direkten Kontakt zu suchen. Doch B. stößt im Web höchstens auf Mitgefühl. Ernüchternd die Antwort, die er in einer psychosozialen Online-Beratung auf seine Beichte erhält.

    B. schreibt: ,,Die Angst schlägt in Wut um. Ich fresse die Wut in mich hinein, um sie irgendwann auf einmal rauszulassen. Ja, es geht hier um Amoklauf! Ich weiß nicht mehr weiter, bitte helft mir.‘‘ Die unmittelbar darauf erteilte Antwort: ,,mh... dir da weiterhelfen kann wohl von hier so wirklich keiner.‘‘ Wie auch, wenn im virtuellen Sammelraum ein Hilfeschrei nur von Hilfeschreien anderer beantwortet wird.

    (SZ vom 22.11.2006)

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