Die Hisbollah feuert über 160 Raketen an einem einzigen Tag ab und Israels Ministerpräsident preist Siege, die andere nicht erkennen können. In der vierten Kriegswoche verliert Olmert den Rückhalt in den Medien.
Müde Krieger: Israels Soldaten bekämpfen seit drei Wochen die Hisbollah. Doch große Erfolge fehlen bisher. Foto: AP
Mit überschwänglichen Äußerungen über vermeintliche israelische Siege gegen die Hisbollah im Südlibanon hat der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert für Befremden gesorgt.
Er sehe „beeindruckende und möglicherweise nie da gewesene Erfolge“ Israels, sagte der 60-Jährige nach mehr als drei Wochen blutiger Kämpfe im Südlibanon bei einer Ansprache im College für Nationale Sicherheit bei Herzlia. Der Feldzug habe „das Gesicht des Nahen Ostens“ verändert.
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Grafik: MS Encarta
Politische Beobachter sehen hingegen, dass Israel zu Beginn der vierten Kriegswoche im Libanon kaum echte Erfolge vorzuweisen hat. Olmerts Äußerungen erschienen von der Realität weit entfernt, schrieb ein Kommentator der Zeitung Haaretz.
Der angesehene Geschichtsprofessor Zeev Sternhell ging noch härter mit Olmert ins Gericht. Unter der Überschrift „Der erfolgloseste Krieg“ warf er dem Ministerpräsidenten vor, er benutze billige Propagandatricks, um seine Misserfolge zu übertünchen.
Eine Ansprache Olmerts, in der er den Israelis mehr „Schmerz, Tränen und Blut“ ankündigte, bezeichnete Sternhell als „Pseudo-Churchill-Rede für Arme“. Der Krieg habe der Abschreckungsfähigkeit Israels schwer geschadet, anstatt sie zu stärken. Wie zum Beweis schlugen am Mittwoch bis zum Nachmittag 160 Katjuscha-Raketen im Norden Israels ein, die bislang höchste Zahl an einem Tag.
Ein Fahrradfahrer in einem Kibbuz wurde durch Metallsplitter getötet, als in einem Haus neben ihm eine Rakete einschlug. Selbst im nördlichen Westjordanland schlug erstmals eine Rakete ein - mit etwa 70 Kilometern die bislang größte Reichweite. Damit widerlegte Hisbollah Äußerungen Olmerts, die Infrastruktur der Organisation sei zerstört.
Wohl im Bemühen, den Ruf der israelischen Armee mit einer waghalsigen Kommando-Aktion zu retten, landeten israelische Fallschirmjäger am späten Dienstagabend tief auf libanesischem Gebiet in der Stadt Baalbek. Sie stürmten dort ein Krankenhaus und nahmen mehrere mutmaßliche Hisbollah-Mitglieder als Gefangene mit. 19 Anwohner wurden bei Schusswechseln getötet.
Israelische Medien berichteten, Ziel der Aktion seien vermutlich die Jagd auf einen ranghohen Hisbollah-Führer oder die Befreiung der zwei verschleppten israelischen Soldaten gewesen. Generalstabschef Dan Haluz meinte, Israels Armee habe damit bewiesen, „dass wir an jeden Ort im Libanon gelangen können“.
»Pseudo-Churchill-Rede für Arme«
Der angesehene Geschichtsprofessor Zeev Sternhell über die Ansprache von Ministerpräsident Olmert
Doch auch innerhalb der Armee wird Kritik an der Kriegsführung laut. Kommentatoren von Haaretz zitierte ranghohe Offiziere mit der Einschätzung, Israel habe sich im Kampf gegen die Hisbollah-Guerilla zu sehr auf die hochtechnisierte Luftwaffe verlassen. Der massive Einsatz von Bodentruppen habe zu spät begonnen.
Insbesondere Generalstabschef Haluz wird von Kritikern vorgeworfen, er habe als ehemaliger Luftwaffenchef die Bodenarbeit vernachlässigt. Ein Kommentator der auflagenstärksten israelischen Zeitung Jediot Achronot schrieb am Mittwoch, nach drei Wochen Krieg hätte man mehr Ergebnissen erwarten können.
Selbst wenn es bald eine Waffenruhe geben sollte, werde diese sehr brüchig sein und in den ersten Wochen vermutlich auch keine echte Ruhe versprechen. Der ehemalige Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, Efraim Halevy, forderte im Bemühen um eine dauerhafte Beruhigung in der Region nun sogar Verhandlungen mit dem Erzfeind Iran.

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