Seit zwei Wochen kursiert ein Internet-Video, das Hillary-Clinton in einem Orwellschen Szenario zeigt. Das Video ist einem alten Apple-Werbe-Spot nachempfunden. Und hat mehr Erfolg als alle Wahlwerbespots zusammen.
22.03.2007, 12:222007-03-22T12:22:00 CEST+0100
Seit zwei Wochen kursiert ein Internet-Video, das Hillary-Clinton in einem Orwellschen Szenario zeigt. Das Video ist einem alten Apple-Werbe-Spot nachempfunden. Und hat mehr Erfolg als alle Wahlwerbespots zusammen.
Ein beklemmendes Szenario wie aus dem Roman „1984“ von George Orwell: Grau gekleidete, kahl geschorene Menschen sitzen in einem Raum aufgereiht, vor ihnen eine Großleinwand, von der eine Big-Brother-Figur indoktrinierende Parolen herunterspricht.
Der Big Brother der politischen Horrorvision ist allerdings eine Big Sister. Um genau zu sein: Hillary Clinton bei einer Ansprache. „Ich hoffe, dass wir diese Unterhaltung bis November 2008 fortsetzen“, hallt die Stimme der möglichen Präsidentschaftskandidatin der Demokraten durch den Raum, bis eine Frau im Sportanzug mit einem Hammerwurf die Leinwand in einer großen Explosion zerstört. Dem Befreiungsschlag folgt die Einblendung einer Internet-Adresse: barackobama.com - die Internet-Adresse des ärgsten Konkurrenten Clintons, auf dem Weg zur Kür als Präsidentschaftskandidatin.
1,6 Millionen Mal wurde der Kurzfilm auf YouTube herunter geladen, der böse Wahlwerbung aus der untersten Schublade zu sein scheint. Aber das Lager von Barack Obama lehnte seit der Veröffentlichung jede Verantwortung an dem Spot ab.
Das Video montiert geschickt einen Werbespot aus dem Jahr 1984 mit einer aktuellen politischen Botschaft. Im Original wurde damit der neue Apple-Computer Macintosh beworben und die Übermacht des Konkurrenten IBM angeprangert. Die Botschaft war klar: Die neue Computer-Technolgie würde die Welt aus ihrer Lethargie befreien.
Nicht weniger klar ist auch die Botschaft am Ende der Neuauflage 2007: „Am 14. Januar beginnen die Vorwahlen der Demokraten. Und sie werden sehen, warum 2008 nicht wie ‚1984’ sein wird.“
Hillary Clinton, heißt das, ist Establishment, die Frau von gestern. Und Barack Obama der kommende Mann für die Demokraten.
Der Spot lief mittlerweile auch auf vielen amerikanischen Fernsehkanälen. „Wir haben damit nichts zu tun“, beteuerte das Obama-Lager auch da – und liegt damit nicht ganz richtig: Zumindest war ein Mitarbeiter des Obama-Wahlkampfes der Urheber, wie sich nun herausstellt.
Philipp de Vellis arbeitete für eine Beratungsfirma, zu deren Kunden auch Obama gehört. „Ich war es. Und ich bin stolz darauf“, offenbart de Vellis auf der Website Huffington Post: Er hätte zeigen wollen, wie ein ein einziger Bürger den politischen Prozess beeinflussen kann, und will das Video allein und als Privatmann gestaltet haben.
Die politische Reaktion nach dem gestrigen Bekenntnis liess nur wenige Minuten auf sich warten: Obamas Wahlkämpfer teilten mit, die Beraterfirma hätte sich von „diesem Individuum“ getrennt. Ein scheinbar klarer Schnitt, der einen faden Beigeschmack hinterlässt. Und vor allem die Frage: Wie verändern sich die politischen Regeln des US-Wahlkampfs?
Kandidatenbeschimpfung gehört schon immer dazu, die anonyme Variante allerdings ist neu und sorgt für Unruhe. Die unautorisierten Propaganda-Filmchen könnten zum Problem des kommenden Wahlkampfs werden, meint etwa Chris Cillizza, Internet-Blogger, der Washington Post: die Kandidaten hätten die Kontrolle über ihren Wahlkampf schon verloren. Und Cillizza geht davon aus, dass sich hier ein Trend entwickelt: Kandidaten können nicht mehr bestimmen, wann sie über welche Themen reden.
Dennoch versuchen die US-Präsidentschaftskandidaten zum normalen Tagesgeschäft überzugehen – und ziehen gleich in Reihe bei der Internet-Community MySpace ein. Um auch den jüngeren Wählern in den USA die Kandidaten für das Rennen um die Präsidentschaft nahe zu bringen, hat das Portal einen eigenen Bereich für die Wahl 2008 eingerichtet.
Dort geht es bislang ganz paritätisch zu: Mit Barack Obama, Hillary Clinton, John Edwards, Joseph Biden, und Dennis Kucinich sind fünf Demokraten bei MySpace eingezogen. Und auch fünf Republikaner eröffneten eine Website: John McCain, Rudolph Giuliani, Duncan Hunter, Mitt Romney und Ron Paul. In den kommenden Wochen sollen sich Wähler registrieren und auch für ihre Kandidaten spenden können. „Als meistbesuchte Website in den USA wird MySpace eine wichtige Rolle bei der nächsten Wahl spielen“, erklärte der Chef des Unternehmens, Chris DeWolfe.
Gleiches gilt für andere Community-Portale und auch für YouTube, wo die Kandidaten die Möglichkeit haben, ihre Wahlkampffilme kostenlos zu zeigen. Zugleich gehen sie das Risiko eingehen, sich ein weiteres Wahlkampfgift wie das Anti-Clinton-Video einzufangen. Clinton selbst macht derweil gute Miene zum bösen Spiel, aber die "Diskussion mit dem amerikanischen Volk" wird ihr nach zwei Wochen als "Big Sister“ kaum leichter fallen.
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