Über 100 Festnahmen bei "Heß-Gedenkmarsch"

    Neonazi-Demonstration

    22.08.2004, 11:57

    Rund 3000 Neonazis haben in Wunsiedel dem früheren Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß gedacht. Viele waren mit Tränengas oder Reizgas bewaffnet und trugen rechtsextreme Abzeichen. Das massive Polizeiaufgebot hatte Mühe, die bis zu 800 Gegendemonstranten von den Neonazis fern zu halten.

    Jugendliche hatten in den Straßen der nordbayerischen Kreisstadt zudem mit einer Freiluft- Ausstellung über die Gräueltaten des Nazi-Regimes informiert. Auf den Aufmarsch von fast 3000 Neonazis aus Deutschland und den europäischen Nachbarländern reagierten sie mit einem Pfeifkonzert und Buh-Rufen.

    Die Demonstrationen verliefen ohne größere Zwischenfälle. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, wurden in Wunsiedel zwischenzeitlich insgesamt 118 Demonstranten festgenommen, die Mehrzahl von Ihnen aus dem rechtsextremen Spektrum. Die meisten hatten verfassungsfeindliche Abzeichen getragen oder waren mit Tränengas oder Reizgas bewaffnet.

    Einige hatten auch gegen das Vermummungsverbot verstoßen. Im Vorfeld des Neonazi- Aufzugs war es nach Polizeiangaben wiederholt zu kleineren Rangeleien zwischen rechten und linken Demonstranten gekommen. Die Polizei habe die Gruppen aber rasch getrennt.

    Die Lage hatte sich lediglich am Nachmittag kurzzeitig zugespitzt, als der Wunsiedeler Bürgermeister Karl-Willi Beck gemeinsam mit Stadträten und einigen Bürgern den Neonazi-Zug mit einer Sitzblockade zu stoppen versuchten. Erst als die Polizei mit einer Räumung drohte, gaben die Gegendemonstranten wieder die Straße für den Zug der Neonazis frei.

    Mit ihren Protesten wandten sich die Bürger zugleich gegen den Versuch, Wunsiedel auf Dauer zu einem „Wahlfahrtsort“ rechtsextremer Gruppen zu etablieren. Bürgermeister Beck sagte bei einer Kundgebung: „Wunsiedel ist bunt - nicht braun“. Irritiert zeigte er sich über den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, der in der vergangenen Woche ein städtisches Verbot des Neonazi-Aufmarsches aufgehoben hatte.

    „Diese Entscheidung ist unterbelichtet“, sagte Beck. Eine örtliche „Jugendinitiative gegen Rechtsextremismus“ versuchte vor allem mit lebensgroßen Clown-Attrappen entlang der Demonstrationsroute den „Gedenkmarsch“ lächerlich zu machen. Aus Kassettenrekorder sollte beim Vorbeimarsch der Rechten Hohngelächter ertönen.

    „Leider hat die Polizei die Kabelanschlüsse zu den Geräten durchgeschnitten“, bedauerte eine Sprecherin des Jugend-Bündnisses. Zudem verhinderten die Ordnungshüter eine geplante Konfetti-Aktion und entfernten mehrere Güllefässer, die von Landwirten vor der Kundgebung entlang der Strecke aufgestellt worden waren.

    Heß war nach seinem Selbstmord am 17. August 1987 im alliierten Kriegsverbrecher-Gefängnis Berlin-Spandau in Wunsiedel beigesetzt worden. Seitdem treffen sich alljährlich Neonazis zum Heß-Todestag in der nordbayerischen Stadt.

    Bayerns Innenmister Günther Beckstein (CSU) forderte unterdessen eine Verschärfung des Versammlungsrechts. Er gehe davon aus, dass „dieses unerträgliche Schauspiel der Ewiggestrigen in Wunsiedel bereits nächstes Jahr der Vergangenheit angehört.“

    Der tschechische Verteidigungsminister Karel Kühnl sagte, er sei „sehr traurig, dass es Menschen gibt, die diesen Tag zu einer Gedenkfeier für Rudolf Heß missbrauchen“. Die Tschechen gedächten jedes Jahr am 21. August dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei 1968.

    (dpa)

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