Von Christian Wernicke

Während im Rest von Bagdad dringend nötige Bauarbeiten aus Angst vor Gewalt stocken, bauen sich die USA das größte Botschaftsgebäude der Welt. Auf der Fläche von 80 Fußballfeldern will die US-Regierung ihren Beamten ein regelrechtes Schlaf-und-Freizeitstädtchen schaffen.

Alltag in Bagdad: US-Soldaten bewachen einen Anschlagsort. (Foto: dpa)

Die Baustelle mit dem halben Dutzend Hochkränen ist das einzige Großprojekt im Irak, das streng nach Plan vorankommt: Schon im nächsten Juni soll Amerikas neue, 592 Millionen teure Botschaft im Zweistromland fertig sein.

Dann, so schwärmt einer der Architekten, werde der Koloss aus Stein, Beton und Panzerglas "sogar aus dem Weltraum zu erkennen sein". Der im Bagdader Volksmund spöttisch "George W.'s Palace" genannte Komplex wird direkt am Ufer des Tigris eine Fläche von 42 Hektar ausfüllen.

Das entspricht etwa 80 Fußballfeldern - und ist größer als die Vatikanstadt zu Rom. Die nächtliche Illumination zur leichteren Verortung aus dem All scheint ebenfalls garantiert: Die größte und bestgesicherte US-Botschaft aller Zeiten ist durch mächtige Generatoren abgekoppelt von Iraks nach wie vor unzuverlässigem Stromnetz.

 
mehr zum Thema

Sicherheit im Irak
Bush berät über möglichen Strategiewechselweiter
 
Sicherheitskonzept im Irak
US-Armee räumt Scheitern einweiter
 
Kraftlose Weltmacht
Amerikas Absturzweiter
 

 

Verschanzen in der Grünen Zone

Anderswo stehen die Bagger zumeist still. Aufgrund massiver Sicherheitsprobleme kommen die Arbeiten an neuen Straßen, Wasserpumpen, Kläranlagen oder Kraftwerken nur langsam voran.

Dass ausgerechnet Amerikas Eigenbau planmäßig entsteht, hat einen simplen Grund: Die Mammutbotschaft der ehemaligen Befreier und Besatzer wächst in Bagdads "Green Zone" gen Himmel, jener hermetisch abgeriegelten Enklave, in der auch die irakische Regierung Unterschlupf gefunden hat.

Bisher hausen die etwa tausend Amerikaner in Iraks Hauptstadt nebenan in Saddam Husseins Republikanischem Palast, einem abscheulichen Denkmal wüstendiktatorischen Größenwahns.

Freizeitstädtchen

Auch das neue Refugium der Schutzmacht fällt eher klobig aus. "Safety first" hieß die Parole der Washingtoner Bauherren. Schließlich ist Amerikas ständige Vertretung für noch unbestimmte, eher ferne Zeiten angelegt, da Bagdad wieder eine sichere Metropole und die hohen Betonmauern um die Grüne Zone geschleift sein werden.

Bis dahin wird es sich leben lassen in der neuen Botschaft. Neben zwei großen Verwaltungskomplexen und einem dritten Gebäude, das später zu einer Schule für Diplomatenkinder umgerüstet werden soll, will die US-Regierung ihren Beamten ein regelrechtes Schlaf-und-Freizeitstädtchen errichten:

619 Ein-Zimmer-Appartements, eine Turnhalle samt Fitnesszentrum, der angeblich größte Swimmingpool im Irak sowie ein gepflegter Club und eine kleine Shoppingmall sind geplant, samt Friseur und Schönheitssalon. Neben je einer üppigen Residenz für den regierenden Botschafter Zalmay Kahlilzad und seinen Stellvertreter entsteht auch eine Kaserne - für die US-Marines, die den Komplex ab Sommer 2007 bewachen.

Terroristen lauern ihnen auf

Zum Ärger der Iraker beschäftigt der Bauunternehmer, der Konzern "First Kuwaiti Trading and Contracting", fast nur ausländische Bauarbeiter, Ingenieure und Statiker. Die meisten leben in Baracken gleich neben der Baugrube, stammen aus Asien und würden, so jedenfalls kritisierte die linke US-Organisation CorpWatch, für zwölf Stunden tägliche Maloche mit monatlich 500 Dollar abgespeist.

Auf Drängen des US-Senats mussten die Kuwaitis zuletzt zwar vermehrt einheimische Maurer und Poliere anheuern. Aber die leben gefährlich. Terrorgruppen lauern den "Kollaborateuren der Gottlosen" auf. Die Arbeiter müssen sich jeden Tag einen anderen Pfad suchen, auf dem sie nach Feierabend zurückkehren können - ins reale Bagdad.

(SZ vom 23.10.2006)

ANZEIGE

mehr ...


Themen

Weitere Artikel in Politik

Leserkommentare (0)



Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


"Ich kann nur kurze Sätze": Franz Müntefering verlässt die Politik - zum Abschied haben wir seine besten Sprüche gesammelt.
Das Magazin "Forbes" hat die mächtigsten Personen der Welt aufgelistet. Gut platziert: Ein Drogenboss und ein Terrorist.
Was der Präsident sagt, ist mir egal - in Silvio Berlusconis Vita mangelt es nicht an Entgleisungen wie dieser. Ein Worst-of in Bildern.
George W. Bush massiert Angela Merkel, Paul Wolfowitz trägt löchrige Socken und Sarah Palin weiß wenig von der Welt: Ein Vote in Bildern.

ANZEIGE

Anzeige: Die Seite 3 - Reportagen aus fünf Jahrzehnten
Bilder aus der Politik
Kritikern nannten ihn einen linken Scharfmacher, doch Oskar Lafontaine hatte noch viel vor. Nun bremst ihn ein Krebsleiden.
Der US-Präsident auf Asien-Reise: Wie Obama um die Gunst der Chinesen wirbt.
Van Rompuy und Ashton treffen auf breite Zustimmung. Das neue Führungsduo der EU geht mit vielen Vorschusslorbeeren an die Arbeit.
Nach der dramatischen Wahlniederlage stellt sich die SPD neu auf: Wer neben dem Parteichef Sigmar Gabriel künftig das Sagen hat.
Süddeutsche Zeitung Photo
Armutsflüchtlinge aus Afrika
Die EU erlebt seit Jahren an ihren südlichen Grenzen einen gewaltigen Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika. Zu tausenden und unter Einsatz ihres Lebens stürmen sie die Wohlstandsgrenze, getrieben von der vagen Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Viele sterben auf dieser Reise und wer ans Ziel kommt, ist dort nicht willkommen. mehr...
Politik transparent gemacht
Über abgeordnetenwatch.de können Sie Ihre Bundestags-Abgeordneten vor Ort online befragen. Einfach Ihre Postleitzahl eingeben und los geht's! Suchen Sie nach bestimmten Themen oder Abstimmungen? Dann geben Sie einfach ein Schlagwort ein.

Postleitzahl oder Schlagwort:

Link auf abgeordnetenwatch.de