Von Kurt Kister

Barack Obama wird vor der Berliner Siegessäule sprechen. Für sein Team ist sie eine "nice landmark". Immerhin mit Blick auf das Brandenburger Tor, die zweitbeste Lösung. Ob die Amerikaner die Symbolik einer Stadt begriffen haben, die reich ist an Wahrzeichen?

Siegessäule Berlin; AP

Bedeutungsvolles Wahrzeichen: die Siegessäule in Berlin. (Foto: AP)

Berlin ist viel älter als Washington und dennoch ist Washingtons Geschichte als nationale Hauptstadt länger als die Berlins. Amerikas Gründerväter schrieben in der Verfassung die Einrichtung einer neuen Bundeshauptstadt fest. Der erste Präsident George Washington bestimmte den Ort, ein Sumpfgebiet am Potomac, das zum einen Teil zu Virginia, zum anderen Teil zu Maryland gehörte.

Daraus entstand 1790 der District of Columbia, wo nach den Plänen des Franzosen Pierre L’Enfant die Hauptstadt gebaut wurde. Sehr viele Gebäude und Monumente zwischen Capitol und Weißem Haus, zwischen Oberstem Gerichtshof und Lincoln Memorial verherrlichen in oft antikisierendem Pathos die Republik der freien, weißen Männer. Nicht nur von der Entstehung her war Washingtons einziger Sinn, Hauptstadt zu sein.

Ob Berlin überhaupt einen Sinn hat, weiß man nicht so genau. Es wurde deutsche Hauptstadt, weil Preußen unter den vielen deutschen Staaten und Herrschaften am mächtigsten war. Zwei der drei Systeme, die zwischen 1871 und 1945 von Berlin aus ganz Deutschland regierten, waren, jedes auf seine Art, gewalttätig und militaristisch. Man sieht das bis heute an vielen Bauten und Symbolen, die den Krieg überlebt haben. Nach 1945 war die geteilte Stadt Sinnbild des Kalten Krieges. Im Westen hielten die kodderschnauzigen Frontstädter und ihre Subventionselite durch; im Osten ummauerten Honeckers Männer mit den grauen Schuhen ihr Berlin, weil ihnen sonst das Volk davongelaufen wäre. Weil das Volk dem SED-Staat trotz der Mauer doch noch davonlief, ist Berlin heute Bundeshauptstadt.

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Barack Obamas Flugzeug bei der Ankunft in Tegel, AP Barack Obama; Angela Merkel; ddp Barack Obama und Angela Merkel im Kanzleramt; AP Berlin vor der Ankunft Barack Obamas; AP Umweltschützer demonstrieren gegen Obamas Klimapolitik; dpa Barack Obama im Kanzleramt; Reuters
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Washington ist seit seiner Gründung die in den Weiten Amerikas durchaus nicht beliebte, aber respektierte Hauptstadt der USA. Diese ungebrochene Geschichte wird durch vielerlei steingewordene Symbole repräsentiert. Das Weiße Haus gehört dazu. Aber auch das Lincoln Memorial, das sich Martin Luther King als Hintergrund für seine berühmte "I have a dream"-Rede wählte, oder das Washington Monument sind nicht nur Wahrzeichen der Hauptstadt, sondern des ganzen Landes. Sie haben Identifikationskraft.

Das prominente Tor

In Berlin gibt es so etwas nicht. Vielleicht ist die Geschichte Berlins als deutsche Hauptstadt zu kurz dafür, auch weil die Geschichte Deutschlands als vereinter Nationalstaat zu kurz ist. In jedem Fall ist Berlin zu eng mit den blutigen und/oder autoritären Abschnitten der deutschen Geschichte seit dem alten Kaiser Wilhelm verbunden. Gewiss, Berlin hat durchaus seine Wahrzeichen - das Brandenburger Tor und den Fernsehturm, den Reichstag und die Ruine der Gedächtniskirche. Deutsch aber sind die kaum, preußisch vielleicht, berlinerisch allemal.

Von alledem wissen Barack Obamas Leute nichts. Für sie ist die Siegessäule eine "nice landmark" mit immerhin Blick aufs Brandenburger Tor, die zweitbeste Lösung, wenn auch nicht schlecht. Die Säule verherrlichte preußische Siege über Dänemark, Frankreich, Österreich und eine Reihe deutscher Länder zwischen 1864 und 1870. Sie ist Sinnbild der Dominanz des preußischen Militärstaates und eines Herrschaftsverständnisses, das eher Politik als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln verstanden hat als umgekehrt.

Auf etwa halber Höhe zwischen Säule und Brandenburger Tor liegt das Ehrenmal zur Erinnerung an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg. Es wurde von den Sowjets gebaut, als kaum jemand daran glaubte, dass die Sowjetunion noch im selben Jahrhundert nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln untergehen würde. Hier wird nicht Deutschlands, sondern der Niederwerfung Deutschlands gedacht.

Und schließlich: das Brandenburger Tor. Es gibt viele kluge Aufsätze, in denen über die Bedeutung dieses "deutschen Geschichtssymbols" (Gustav Seibt) nachgedacht wird. Weil es Jahrzehnte lang an der Nahtstelle der Blöcke, der beiden Deutschlands und der beiden Berlins gestanden hat, wird dieses Tor heute in erster Linie als Sinnbild der Überwindung der Teilung verstanden. Zwar stammt es aus der Zeit der preußischen Könige, aber die Geschichten um Napoleon und die Quadriga haben sich längst ähnlich ins Anekdotische verloren wie Glanz und Elend Preußens in toto.

Das Brandenburger Tor hat keine besondere nationale Würde, die vor einem amerikanischen Wahlkämpfer hätte besonders geschützt werden müssen. Wie will man zudem messen, was man am Tor nicht darf, an der Siegessäule aber schon? Um das Tor wird in Wowereits Stadt andauernd irgendetwas gefeiert. Es ist längst zur prominentesten Kulisse der Wieder-Hauptstadt geworden und hält sich auf der Promi-Liste noch vor dem Eisbären Knut und dem sozialistischen Ampelmännchen. Es hätte keinen Schaden als Bühne Obamas genommen, weil es ohnehin selbst nur noch zum Showgeschäft gehört.

Hören Sie mehr zum Thema:

Weitere Meinungen und Hintergründe zu Obamas Berlinbesuch gibt es im Podcastmagazin von SZ Audio. Hier erfahren Sie auch, warum der demokratische US-Präsidentschaftskandidat in seiner Rede auf einen historischen Satz in Präsidentenmanier besser verzichten sollte.

Wir wollten auf Berlins Straßen wissen: Was halten Sie von Obama?

Zu Obamas Rede vor der Siegessäule werden etwa eine Million Besucher erwartet. Wir fragten Passanten in Berlin, ob sie es richtig finden, dass Obama an diesem Ort spricht.

(SZ vom 25.07.2008/cag)

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Leserkommentare (3)



24.07.2008 18:55:28

paparazzoberlin.de: fresh obama

cool wäre es, wenn ein flieger mit coca-col-banderole über der siegessäule kreisen würde (natürlich mit us-sondergenehigung dank des peking-werbespot-deals).


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