In fünf Wochen wird in Iran gewählt. Wenn er Präsident wird, will Mohsen Resai eine islamische Friedenstruppe nach Afghanistan und Irak schicken. Foto: Reuters
SZ: US-Präsident Obama hat eine Botschaft an Iran geschickt. Was hätten Sie geantwortet als Präsident?
Resai: Ich halte den Kurswechsel der US-Außenpolitik für glaubwürdig. Die Amerikaner haben kein Interesse mehr, in aller Welt Feldzüge zu führen. Die US-Gesellschaft ist daran nicht länger interessiert. Das ist die richtige Atmosphäre für den Dialog. Unsere Position ist: Wenn die Amerikaner sich ändern, ändern wir uns auch.
Man darf aber nicht auf amerikanische Vorleistungen warten. Man darf nicht zulassen, dass Obamas und Irans Absichtserklärungen in der Luft hängen. Ich werde einen Plan vorlegen, welche Schritte wir machen müssen und welche die Amerikaner.
SZ: Zum Beispiel?
Resai: Wir können bei der Lösung der Weltfinanzkrise zusammenarbeiten. Wir wollen den Drogenhandel bekämpfen. Wir wollen Frieden und Sicherheit im Nahen und Mittleren Osten, wir wollen dort ein regionales Sicherheitssystem schaffen.
SZ: Sie sind einer der Gründungsväter der Hisbollah. Wenn Sie über Frieden in der Region reden - wären Sie bereit, auf Hisbollah und Hamas als außenpolitisches Instrument zu verzichten?
Resai: Ich lehne jede Instrumentalisierung ab, um die eigene Macht in der Region zu verstärken - egal, ob wir das tun oder die USA. Nach dem Ende der UdSSR entstand ein Machtvakuum. Das verschärfte die Spannungen. Es ist nun ein gefährlicher Wettbewerb. Die USA nutzen bestimmte Länder in der Region, um ihren Einfluss zu vergrößern. Das hat auch dazu geführt, dass die Kluft zwischen einzelnen arabischen Staaten und Iran größer geworden ist.
»Wenn ich Präsident werde, wird Israel nicht angreifen.«
Mohsen Resai
SZ: Iran nimmt doch selbst Einfluss: Hisbollah ist inzwischen sogar in Ägypten aktiv. Verstehen Sie das Misstrauen der arabischen Welt?
Resai: Für dieses Misstrauen gibt es Gründe. Ich möchte es aus der Welt schaffen. Wir sollten in der Region nach dem Vorbild der EU zusammenarbeiten: Iran, die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan sollten die Hauptakteure sein - so wie Deutschland und Frankreich in der EU. Im Zentrum stünde die Sicherheitspolitik. Eine islamische Friedenstruppe könnte in Afghanistan und Irak aktiv werden. Die Länder der Region würden euch Europäern die Arbeit abnehmen, und ihr müsstet nicht jeden Tag neue Tote beklagen.
SZ: Israel droht mit einem Angriff auf die iranischen Atomanlagen.
Resai: Wenn ich Präsident werde, wird Israel nicht angreifen.
SZ: Warum sind Sie sich da so sicher?
Resai: Weil die Israelis mich kennen.
SZ: Das reicht als Abschreckung?
Resai: Wenn Iran sein Uran in internationaler Kooperation anreichert, gibt es keinen Vorwand für Israel anzugreifen. Oder wollen die Israelis eine Uran-Anlage bombardieren, in der Iraner, Amerikaner, Europäer und Russen zusammenarbeiten?
SZ: Sie sind Angehöriger des Militärs. Sie wissen, dass Iran nicht stark genug ist für einen konventionellen Krieg gegen Israel. Setzen Sie im Falle eines Angriffs auf Hisbollah und Hamas?
Resai: Iran ist durchaus in der Lage, Israel mit konventionellen Waffen entgegenzutreten. Aber ich bezweifle, dass Israel angreifen wird. Ich sehe die Voraussetzungen nicht: Ohne die Rückendeckung Obamas können die Israelis uns nicht attackieren. Die USA aber werden in den kommenden vier Jahren kein grünes Licht für einen Angriff geben. Iran wird Israel auch keinen Vorwand dafür liefern. Denn wir sind dabei, unsere Außenpolitik neu zu definieren.
SZ: Gilt das auch, wenn Ahmadinedschad weitere vier Jahre regiert?
Resai: Solange Obama im Weißen Haus sitzt, ist es für Israel schwer anzugreifen. Obama entwirft eine neue US-Außenpolitik. Jeder Konflikt in der Region würde seine Pläne gefährden.
SZ: Obamas Botschaft war ungewöhnlich offen. Hat der iranische Revolutionsführer angemessen reagiert?
Resai: Khameneis Reaktion ist im Westen falsch gedeutet worden. Er hat gesagt, dass Iran sich ändern wird, wenn die USA ihre Politik verändern. Das war das erste Mal, dass in unserem Land ein solcher Satz öffentlich gesagt wurde: Dass der Iran bereit ist, seine Politik zu ändern - das ist neu.
SZ: Sie selbst werden von Interpol gesucht - wegen angeblicher Verwicklung in Terrorakte gegen jüdische Einrichtungen in Argentinien und wegen Menschenrechtsverletzungen in Iran. Wie könnten Sie da als Präsident ihr Amt international ausüben?
Resai: Das ist eine Lüge. Iran hat Schritte eingeleitet und Fakten vorgelegt, um die Haltlosigkeit der Vorwürfe zu beweisen und um den Haftbefehl aus der Welt zu schaffen. Außerdem genießen Staatsmänner Immunität. Ich habe vergangenes Jahr einige Auslandsreisen gemacht.
SZ: Sie waren auch befreundet mit dem Hisbollah-Militärchef Imad Mughniyeh, der auf der US-Liste der Top-Terroristen ganz oben stand und letztes Jahr bei einem Attentat getötet wurde.
Resai: Ich habe viele Freunde. Mughniyeh hat für die Befreiung des Libanon gekämpft. Vieles, was man ihm vorgeworfen hat, stimmt nicht. So hat er im Libanon auch geholfen bei der Befreiung amerikanischer und französischer Geiseln. Mughniyeh war ein aufrichtiger Mann. Getötet haben ihn dann die Israelis.
Das Interview mit Resai wurde in Teheran gemeinsam geführt von der Süddeutschen Zeitung und dem Tagesspiegel.
(SZ vom 11.05.2009/gdo)
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