Eine Außenansicht von Richard Holbrooke

13. September 1995, 17 Uhr, ein Jagdhaus bei Belgrad: Richard Holbrooke, der spätere UN-Botschafter der USA, erinnert sich an zehn Stunden mit Radovan Karadžic.

Richard Holbrooke, der spätere UN-Botschafter der Vereinigten Staaten, handelte 1995 das Abkommen von Dayton aus, mit dem der Bosnienkrieg beendet wurde.

Als ich mit Slobodan Miloševic auf der Veranda eines Jagdhauses in der Nähe von Belgrad stand, sah ich in der Entfernung zwei Männer. Sie stiegen aus ihrem Mercedes aus und liefen auf uns zu. Ich fühlte, wie ein Schock durch meinen Körper ging. Sie waren unverwechselbar.

Ratko Mladic in Kampfkleidung, gedrungen, er ging, als ob er durch ein matschiges Feld stapfen würde. Und bei ihm Radovan Karadžic, größer, er hatte einen wilden, aber dennoch sorgsam gestylten Haarschopf.

Gesichter des Bösen: Ratko Mladic, Slobodan Miloševic und Radovan Karadžic (von links) auf einem Plakat serbischer Demonstranten (Archivbild) Foto: AFP

Karadžics Gefangennahme hat mir diese lange Nacht vor fast 13 Jahren in Erinnerung gebracht. Sie war voller Konfrontation und Drama. Es war das einzige Mal, dass ich ihn getroffen habe. 13. September 1995, 17 Uhr, der Höhepunkt des Bosnienkrieges.

Endlich hatte die von den USA geführte Nato die Serben in die Defensive gebracht - nach Jahren, in denen der Westen und die Vereinten Nationen nur schwach auf die serbischen Aggressionen und die ethnischen Säuberungen in Bosnien reagierten. Unser kleines Verhandlungsteam - mit dem damaligen Generalleutnant Wesley Clark und Christopher Hill, dem heutigen Chefunterhändler für Nordkorea - war zum fünften Mal in Belgrad. Wir versuchten, den Krieg zu beenden, der schon 300.000 Menschen das Leben gekostet hatte.

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Richard Holbrooke handelte 1995 das Abkommen von Dayton aus, mit dem der Bosnienkrieg beendet wurde Foto: AP

Diese drei Männer - Miloševic, Mladic und Karadžic - waren der Hauptgrund für diesen Krieg. Mladic und Karadžic waren 1995 bereits vor dem Internationalen Jugoslawien-Tribunal als Kriegsverbrecher angeklagt. (Miloševic wurde erst 1999 angeklagt.) Als Führer der bosnisch-serbischen Separatistenbewegung hatten sie sich mit vielen westlichen Persönlichkeiten getroffen, unter anderem mit dem ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter.

Unser Verhandlungsteam hatte sich entschlossen, die Strategie zu ändern und beschlossen, Karadžic und Mladic an den Rand zu drängen und Miloševic zu zwingen, als der führende Serbe der Region die Verantwortung für den Krieg und die Verhandlungen zu übernehmen, um diesen Krieg zu beenden. Miloševic wollte die beiden Männer zurück in die Diskussion bringen, wahrscheinlich, um sich selbst ein wenig von dem Druck zu befreien.

Wir hatten uns auf diesen Moment vorbereitet und uns verständigt, dass wir zwar niemals um ein Treffen mit Karadžic und Mladic bitten würden, es aber annähmen, falls Miloševic es anböte - aber nur ein einziges Mal und nur unter der eindeutigen Richtlinie, dass Miloševic für ihr Verhalten verantwortlich sein würde.

Ich hatte jedem Mitglied unseres Verhandlungsteams gesagt, sie oder er möge für sich selbst entscheiden, ob sie den Massenmördern die Hand schütteln wollten. Ich hasste diese Männer für das, was sie getan hatten. Sie waren mit ihren Verbrechen indirekt auch für den Tod dreier unserer Kollegen verantwortlich; Bob Frasure, Joe Kruel und Nelson Drew.

Sie starben, als das gepanzerte Fahrzeug, in dem sie saßen, in eine Schlucht stürzte, als wir versuchten, Sarajewo über die einzig befahrbare Route zu erreichen. Das war eine gefährliche, unbefestigte Straße, die durch ein von den Serben kontrolliertes Gebiet führte, das voller Scharfschützen war.

Ich schüttelte ihnen nicht die Hand, obwohl Karadžic und Mladic es versuchten. Manche Mitglieder unseres Teams schüttelten ihnen die Hand, andere nicht. Mladic, nicht Karadžic, war die dominante Figur an diesem Abend. Er beteiligte sich an einem Wettkampf mit manchen Mitgliedern unseres Teams, in dem sie sich anglotzten.

Karadžic war zunächst stumm. Er hatte ein großes Gesicht mit dicken Backen, ein weiches Kinn und überraschend sanften Augen. Dann, als er unsere Forderung hörte, die Belagerung von Sarajewo sofort zu beenden, explodierte er. Während er vom Tisch aufstand, wütete der in Amerika ausgebildete Karadžic in passablem Englisch über die "Demütigungen", unter denen seine Leute litten. Ich erinnerte Miloševic daran, dass er versprochen hatte, dass eine solche Tirade nicht passieren werde.

Karadžic antworte aufgebracht, dass er den ehemaligen Präsidenten Carter anrufen werde, mit dem er in Kontakt stehe. Dann begann er, den Tisch zu verlassen. Es war das einzige Mal an diesem langen Abend, dass ich Karadžic direkt ansprach. Ich sagte ihm, dass wir ausschließlich für Präsident Bill Clinton arbeiteten und dass er Carter anrufen könne, wenn er das wünsche, aber, so sagte ich ihm weiter, wir würden dann gehen, und die Bombardements würden verschärft.

Miloševic sagte etwas auf Serbisch zu Karadžic, der setzte sich wieder, und das Treffen konnte sich mit den ernsten Dingen beschäftigen. Nach zehn Stunden erreichten wir eine Vereinbarung, die Belagerung zu beenden, nach mehr als drei Kriegsjahren.

Am nächsten Tag konnten wir endlich den wieder eröffneten Landeplatz in Sarajewo anfliegen. Die unbeugsame Stadt erwachte schon wieder zu normalem Leben. Zwei Monate später endete der Krieg in Dayton, er brach nie wieder aus.

Aber während das Abkommen von Dayton der Nato die Befugnis gab, Karadžic zu fassen, dauerte es 13 Jahre bis zur Verhaftung. Endlich muss nun einer dieser furchtbaren Mörder den Weg nach Den Haag antreten. Es ist zwingend erforderlich, dass Mladic nun Karadžic auf dieser Reise ohne Wiederkehr folgt.

Karadžics Verhaftung ist umso bedeutender, weil sie von serbischen Behörden vollzogen wurde. Der serbische Präsident Boris Tadic verdient große Anerkennung für diese Tat, vor allem weil sein guter Freund, der damalige Premierminister Zoran Djindjic, im Jahr 2003 ermordet wurde, weil er zwei Jahre zuvor so mutig gewesen war, Miloševic verhaften zu lassen und ihn ebenfalls nach Den Haag geschickt hatte.

Karadžics Verhaftung ist nicht bloß eine historische Fußnote, es schafft einen Mann aus dem Weg, der immer noch den Frieden und den Fortschritt auf dem Balkan unterminierte und der sich mit seinem begeisterten Eintreten für ethnische Säuberungen einen ganz speziellen Platz in der Geschichte verdient. Sie bringt Serbien auch näher an eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Karadžics Festnahme erinnert erneut an den Wert von Tribunalen für Kriegsverbrecher.

Obwohl die Verzögerung von mehr als zwölf Jahren eine unentschuldbar lange Zeit ist, sorgte die Anklage wegen Kriegsverbrechens dafür, dass Karadžic auf der Flucht war und hinderte ihn daran, wiederaufzutauchen. Im weit entfernten Khartum, sollte der in der vergangenen Woche beim Internationalen Strafgerichtshof angeklagte sudanesische Präsident Omar al-Baschir genau hinschauen.

Übersetzung: Tobias Matern

(SZ vom 25.07.2008/aho)