Mangos können schnell verfaulen
Buenos Aires fünf Jahre nach dem Crash
11.02.2007, 12:00
Buenos Aires: Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind größer geworden. (Foto: AP)
Buenos Aires, im Februar - Der Szenekoch sitzt an einem schönen, heißen Tag in seiner schicken Bar und erzählt diesen Witz. "Was ist das beste Geschäft der Welt?", fragt German Martitegui. "Einen Argentinier für das kaufen, was er wert ist - und für das verkaufen, was er glaubt, wert zu sein."
Der Gag widmet sich vor allem den Einwohnern der Hauptstadt, den Porteños, also Leuten wie Martitegui, und erzählt einiges über Höhenflug und Niedergang. Schließlich war dies einst eine der reichsten Metropolen der Erde, und besitzt sie nicht immer noch die breiteste Straße und den breitesten Fluss und das beste Fleisch und so weiter?
Zwischendurch ging es dermaßen bergab, dass man vor fünf Jahren den größten Bankrott der Wirtschaftsgeschichte erlebte. Doch seitdem hat sich die Stimmung wieder erstaunlich verbessert. "Buenos Aires ist in Mode", sagt Martitegui. "Wir sind kreativ. Wir haben uns angepasst."
Sein Lokal "Olsen" kommt an. Es liegt im Trend, cool und durchgestylt, aber nicht übertrieben. Geschmackvoll, wie so vieles hier. Es geht durch einen Bretterzaun in einen Vorgarten mit Brunnen, Bäumchen, Skulptur, Sesseln. Dahinter erhebt sich ein hohes, schlichtes Loft, in der Mitte steht ein offener Kamin, im Sommer kühlt die Klimaanlage. Die Musik ist dezent, manchmal wird Elektrotango gespielt. Auf der Karte stehen Gerichte wie fünf Smörrebröd mit fünf Wodkas.
Das mit Skandinavien war eine Idee des Gründers, er sah da eine Marktlücke. Sein Publikum könnte man so ähnlich auch am Hackeschen Markt in Berlin finden, der einst verschlafene Stadtteil Palermo Viejo mit seinen verschnörkelten Flachbauten und schattigen Bäumen ist en vogue. Auf dieser Seite heißt das Modeviertel Palermo Hollywood, wegen der Filmstudios, gegenüber Palermo Soho.
Dazwischen verläuft ein Bahndamm, und da fährt man gleich in eine ganz andere Geschichte. Sie handelt von Müll und von Menschen wie Hector Martinez und Jose Campora. Die beiden kommen wie jeden Morgen mit dem klapprigen Vorortzug aus San Martin, am Stadtrand wohnt ein Großteil der 13 Millionen Einwohner des Ballungsgebietes von Buenos Aires. Nachts geht es wieder zurück, vorbei an Parks, Pferderennbahn, Polostadion und Shopping Malls, hinaus in die Peripherie.
"Villas Miseria" werden die Slums genannt. Jobs sind dort rar und schlecht bezahlt, Drogen und Gewalt Routine. Hector Martinez hat seinen Job bei einer Bäckerei vor vier Jahren verloren, Jose Campora hatte noch nie ein geregeltes Einkommen. Sie trennen Zeitungen und Weinkartons von Glas und Metall und Essensresten und stopfen sie in einen klapprigen Handwagen. "Es wird viel weggeschmissen", sagt Martinez, am meisten vor den vielen Restaurants.
Auch sie haben sich angepasst. 12000 Altpapiersammler ziehen laut Statistik durch die Straßen und packen täglich 600 Tonnen Abfall ein. Vor dem Finanzcrash waren diese Cartoneros Exoten, jetzt sind sie überall, verteidigen Reviere. Ihre Umsätze werden auf 500 Millionen Pesos geschätzt, mehr als 100 Millionen Euro. Prächtig verdient aber nur eine winzige Mafia daran - Handlanger wie Hector Martinez und Jose Campora schuften wie Sklaven, deshalb sind das auch nicht ihre echten Namen.
Die Stadtverwaltung, andererseits froh über kostenloses Recycling, nennt die Müllsammler Opfer "absoluter Illegalität". Für ein Kilo Kartonage gibt es 20 Cent, an guten Tagen macht das bei 150 Kilo etwas mehr als vier Euro. "15 Mangos, manchmal gar nichts", sagt Hector Martinez. Mango ist Slang, bedeutete einst Diebesgut und klingt heute wie eine reife, schnell faulige Frucht. Martinez, Vater dreier Kinder, hat lange Haare, einen glasigen Blick, und er trägt das gelbblaue Trikot des Fußballklubs Boca Juniors, wo einst Diego Maradona spielte - Maradona, der mit seinen Triumphen und Tragödien das Land verkörpert.
|
ANZEIGE
Mr. Wong
Delicious
Digg
Yigg
Technorati
Google
MySpace
Facebook
Webnews




















