Von Peter Blechschmidt

Westliche Truppen werden noch lange am Hindukusch bleiben. Die afghanische Nationalarmee ist nach einer neuen Studie noch lange nicht Herr der Lage in dem Land.

Afghanische Soldaten, dpaBild vergrößern

Für eine Handvoll Dollars: Afghanische Soldaten erhalten ihren Lohn in harter Währung. Foto: dpa

Plötzlich reden alle von der "Abzugsperspektive". In den nächsten vier Jahren, so Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Außenamtschef Guido Westerwelle, aber auch Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, sollen zumindest die Grundlagen geschaffen werden für den Rückzug der internationalen Staatengemeinschaft aus Afghanistan.

Die Motive hinter diesen Ankündigungen sind klar: Zum einen soll der Druck auf den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai verstärkt werden, mehr Verantwortung für das eigene Land zu übernehmen. Zum andern soll der wachsenden Unzufriedenheit in den Ländern, die Truppen für den Afghanistan-Einsatz stellen, entgegengewirkt werden.

Ohne realistische Grundlage

So richtig es ist, dass nach acht Jahren Präsenz in Afghanistan endlich auf sichtbare Ergebnisse hingearbeitet werden soll, so sehr entbehren die neuen Töne einer realistischen Grundlage. Es ist Konsens unter den Verbündeten, dass das Konzept der "selbsttragenden Sicherheit" nur funktionieren kann, wenn Armee und Polizei in Afghanistan in der Lage sind, Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Doch davon sind die Sicherheitskräfte am Hindukusch weit entfernt. Das belegt nicht zuletzt eine neue Studie der angesehenen Stiftung Wissenschaft und Politik über die afghanische Nationalarmee (ANA).

Der Wiederaufbau der ANA könne "noch nicht als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden", heißt es in der Studie. Wertvolle Zeit sei durch ungenügenden Einsatz von Personal und Ressourcen vergeudet worden. Zwar gebe es Fortschritte. Immerhin sei die Zahl der jährlich ausgebildeten Soldaten seit 2007 verdreifacht worden, sodass die ANA inzwischen auf 94.000 Mann angewachsen sei. Die Zielgröße von 134.000 Mann soll bis 2011 erreicht sein. Auch habe sich in den Kampfverbänden die Rate der unerlaubten Entfernungen von der Truppe von 33 Prozent im Jahr 2006 auf 9 Prozent in 2009 verringert.

Stammeskrieger als Staatsbürger in Uniform?

Gleichwohl sei der Staat weit davon entfernt, das Gewaltmonopol beanspruchen zu können. Persönliche Loyalitäten und Stammestraditionen zählten deutlich mehr als nationale Einrichtungen. Damit sich nationale Sicherheitskräfte durchsetzen könnten, müssten die Milizen regionaler Kriegsherren aufgelöst werden.

Darüber hinaus müsse in den Streitkräften mehr Verantwortungsgefühl geweckt werden. Waffen und Ausrüstung würden zum Teil mutwillig beschädigt oder landeten auf dem Schwarzmarkt. Stammeskrieger, die einem archaischen Ehrenkodex folgten, könnten nicht kurzerhand zu Staatsbürgern in Uniform werden - zumal wenn Uniformen fehlten.

Die in der Studie geäußerte Skepsis wird von führenden Offizieren der Bundeswehr geteilt. Zwar gibt es auch hohe Soldaten, die es für möglich halten, in einzelnen Distrikten speziell im Norden, dem deutschen Kommandobereich, die Verantwortung für die Sicherheit afghanischen Kräften zu übertragen. Doch weisen andere darauf hin, dass dies wenig nütze, wenn in den angrenzenden Gebieten weiter Unsicherheit und Gewalt herrschten. Außerdem müssten weiterhin ausländische Kräfte vorgehalten werden, um die Dauerhaftigkeit solch nationaler Lösungen zu gewährleisten.

Die ANA sei auf einem richtigen, aber mühsamen Weg, heißt es in dem Bericht. Derzeit komme das von Rasmussen beschworene Licht am Ende des Tunnels "noch aus den Taschenlampen der eigenen Ausbilder".

(SZ vom 18.11.2009/yas)