Ein amerikanischer Angriff auf ein pakistanisches Dorf fordert mindestens 20 Menschenleben - die Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan soll sich fast verdreifacht haben.

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US-Drohne bei einem Übungsflug Foto: dpa

Bei einem neuen US-Angriff auf Extremisten in Pakistan sind am Montag nach
Geheimdienstangaben 20 Menschen getötet worden. Einem Anwohner zufolge feuerten zwei unbemannte Flugkörper (Drohnen) insgesamt drei Raketen auf das Dorf Dandi Darpakheil im Grenzgebiet zu Afghanistan.

Ziele waren nach Informationen aus Militärkreisen das Haus und die Koranschule eines Taliban-Kommandeurs mit Verbindungen zu Al-Qaida-Chef Osama bin Laden. Der Taliban-Vertreter selbst hielt sich aber zum Zeitpunkt des Angriffs nicht in dem Ort auf, wie seine Familie mitteilte.

Einem Geheimdienstmitarbeiter zufolge wurden bei dem Angriff auf das Dorf in der Provinz Nord-Waziristan sechs Zivilisten und sieben ausländische Extremisten getötet. In dem Gebäude und in einem benachbarten Gästehaus hätten Usbeken und Araber gelebt, sagte er; um wen genau es sich bei den getöteten Ausländern gehandelt habe, sei noch unklar.

Ärzte berichteten, in das Krankenhaus der Provinzhauptstadt Miranshah seien außerdem 15 bis 20 Verletzte eingeliefert worden, die meisten davon Frauen und Kinder. Die pakistanische Armee bestätigte lediglich einen "Zwischenfall", dessen Hintergrund noch untersucht werde.

Als Besitzer der angegriffenen Gebäude benannte ein Militärvertreter den langjährigen Islamistenführer Jalaluddin Haqqani. Dieser hatte in den 70er und 80er Jahren gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans gekämpft und kennt Bin Laden, als dessen Freund er gilt, seit rund 20 Jahren.

Nach US-Angaben hat Haqqani zudem enge Kontakte zum pakistanischen Geheimdienst ISI: Einem New York Times-Bericht vom Juli zufolge taucht er in einem Dossier zur mutmaßlichen Verstrickung des ISI in ein Selbstmordattentat auf die indische Botschaft in Kabul auf, das der US-Geheimdienst CIA der pakistanischen Regierung übergab.

Tante von Taliban-Führer getötet


Während Haqqani krank und nicht mehr sehr aktiv sein soll, gilt sein Sohn Sirajuddin als Anführer einer Taliban-Gruppe. Beide hielten sich nach den Worten eines anderen Sohnes, Badruddin, zum Zeitpunkt des Angriffs jedoch in Afghanistan auf.

Getötet worden sei dagegen eine seiner Tanten, sagte Badruddin, nach dessen Angaben das Haus der Familie von sechs Raketen getroffen wurde.

Die USA haben in jüngster Zeit ihre Angriffe auf mutmaßliche Al-Qaida-Kämpfer und Taliban in Pakistan verschärft und damit Unmut in der Bevölkerung des asiatischen Landes erregt. Einen öffentlichen Aufschrei gab es vergangene Woche wegen des ersten bekanntgewordenen Einsatzes von US-Bodentruppen auf pakistanischem Boden seit Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001.

Ein hochrangiger Beamter des Innenministeriums in Islamabad widersprach am Montag der früheren Darstellung des Verteidigungsministers, die durch Pakistan führende Hauptnachschubroute für die in Afghanistan stationierten US-Truppen sei als Reaktion auf diesen Angriff geschlossen worden. Die Straße über den Khyber-Pass zum Grenzübergang Torkham sei am Samstag allein aus Sicherheitsgründen gesperrt und nach wenigen Stunden wieder geöffnet worden, sagte er.

Die Zahl der zivilen Opfer bei Luftangriffen der ausländischen Truppen in Afghanistan hat sich nach Angaben einer Menschenrechtsgruppe zwischen 2006 und 2007 fast verdreifacht. In einem am Montag veröffentlichten Bericht von Human Rights Watch (HRW) heißt es, die Zahl sei von 116 (2006) auf 321 (2007) gestiegen.

In den ersten sieben Monaten diesen Jahres seien mindestens 119 Zivilisten bei Luftangriffen der US-geführten Koalitionstruppen oder der von der Nato befehligten Internationalen Schutztruppe Isaf ums Leben gekommen. Für die mit Abstand meisten zivilen Opfer in Afghanistan seien aber nicht die Truppen, sondern Aufständische wie die Taliban verantwortlich.

Menschliche Schutzschilde


HRW verurteilte "den Einsatz von menschlichen Schutzschilden durch die Taliban, der gegen internationales Kriegsrecht verstößt". Die Organisation mit Sitz in New York rief die ausländischen Truppen zu größerer Vorsicht auf.

"Operative Änderungen" bei der Isaf hätten in der zweiten Jahreshälfte 2007 zwar dazu geführt, dass die Zahl der zivilen Opfer abgenommen habe, „obwohl sich die Masse der abgeworfenen Bomben in diesem Zeitraum erhöht hatte“.

Die jüngsten Luftangriffe mit zivilen Opfern hätten aber gezeigt, dass das System weiterhin verbesserungsbedürftig sei. "Zivile Todesopfer durch Luftangriffe wirken wie eine Rekrutierungshilfe für die Taliban."

Bemühungen um eine Friedenssicherung würden damit untergraben. Der Isaf-Kommandeur und ranghöchste US-Soldat in Afghanistan, General David McKiernan, forderte unterdessen eine erneute Untersuchung eines Luftangriffes mit zivilen Opfern, der heftige Kontroversen in Afghanistan ausgelöst hatte.

McKiernan teilte mit, es gebe "sich abzeichnende Beweise betreffend ziviler Opfer" nach einem Angriff am 22. August im westafghanischen Distrikt Schindand.

Ein Offizier des Zentralkommandos in den USA solle aufgrund dieser neuen Beweise die Ergebnisse der bisherigen US-Untersuchung überprüfen.

Nach Angaben der afghanischen Regierung und der Vereinten Nationen waren bei dem US-Luftangriff 90 Zivilisten ums Leben gekommen, darunter 60 Kinder. Die US-Armee hatte dagegen mitgeteilt, fünf bis sieben Zivilisten sowie 30 bis 35 feindliche Kämpfer seien getötet worden. Der Vorfall hatte die Beziehungen der Truppen sowohl mit der afghanischen Regierung als auch mit den Vereinten Nationen belastet.

(Reuters/dpa/odg)