Der Mut der SPD heißt Kleinmut

    Wahl des Bundespräsidenten

    14.05.2008, 17:33

    Ein Kommentar von Heribert Prantl

    Die Entscheidung der SPD-Führung für den CDU/CSU/FDP-Kandidaten Köhler hat wenig mit dessen Persönlichkeit und überhaupt nichts mit Strategie zu tun. Die Partei traut sich nicht, einen eigenen Kandidaten aufzustellen.

    Eine Bundespräsidentenwahl ist nicht unbedingt eine Persönlichkeitswahl; wichtiger ist meist parteipolitische Raffinesse: Als einst Bundeslandwirtschaftsminister Heinrich Lübke, CDU, der ein schlichter Mann war, zum Präsidenten gekürt wurde, wusste er selbst, dass er nur dritte Wahl war. Neben dem SPD-Kandidaten, Bundestagsvizepräsident Carlo Schmid, sah er aus wie ein dunkler Erdsatellit neben einem Fixstern. Das war 1959; und an diesem Urteil war nach fünf Jahren wenig zu revidieren.

    Angst vor Horst Köhler? Die SPD traut sich nicht, einen eigenen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten aufzustellen. (Foto: dpa)

    Trotzdem wurde der biedere Lübke 1964, diesmal sogar mit den Stimmen der SPD, wiedergewählt - nicht seiner besonderen Leistungen wegen, sondern weil er der SPD nun ins Kalkül passte: Er hatte sich nämlich in der Spiegel-Krise für eine große Koalition eingesetzt, und die war das Ziel des SPD-Strategen Herbert Wehner. Lübke war also eine Stufe auf dem Weg der SPD zur Macht.

    Dieses Exempel von 1959/1964 ist bezeichnend für viele Bundespräsidentenwahlen bisher: Entscheidend war, wie gesagt, meist nicht die mehr oder weniger überragende Persönlichkeit des Kandidaten, sondern parteitaktisches Kalkül.

    Das Schöne in der Politik ist aber, dass es immer wieder etwas Neues gibt: Neu bei der sich abzeichnenden Wiederwahl von Horst Köhler (diesmal auch mit den Stimmen der SPD) ist, dass es dafür nicht einmal ein parteitaktisches Kalkül der SPD gibt.

    Die Entscheidung der Parteiführung für den CDU/CSU/FDP-Kandidaten Köhler hat wenig mit dessen Persönlichkeit und überhaupt nichts mit Strategie zu tun, sondern vor allem mit Kleinmut: Die Partei traut sich nicht, einen eigenen Kandidaten aufzustellen - obwohl Köhler, wie jetzt schon feststeht, in der Bundesversammlung eine absolute Mehrheit von Stimmen aus dem Lager, das ihn zuletzt gewählt hat, nicht haben wird.

    Es ist dies ein Zeichen mangelnder Selbstachtung, ein Zeichen der Resignation. Das ist bezeichnend für den inneren Zustand der SPD. Sie verweist ängstlich darauf, dass sie in der geheimen Wahl für den eigenen Kandidaten die Stimmen der Linken bräuchte. Einer Partei, die sich nicht traut, traut aber auch der Wähler nichts zu. Es wäre kein Zeichen des Misstrauens gegen Köhler, sondern Zeichen eigener Souveränität, wenn die SPD einen respektablen eigenen Kandidaten aufstellte - heiße er Müntefering, Scherf oder Steinmeier.

    Natürlich ist Horst Köhler kein Unglück für das Land - im Gegenteil. Er ist ein ungewöhnlicher Präsident; und der Vorteil an ihm ist, dass es ihn in mehreren Ausgaben gibt. Es gibt den außenpolitischen Köhler, der ein kleiner Revoluzzer ist - wenn er über Afrika, Entwicklungshilfe und die internationale Finanzkrise spricht. Es gibt den innenpolitischen Köhler, der ein kleiner Neoliberaler ist - wenn er über Reformen redet, als wäre er Chef eines Unternehmerverbandes. Und es gibt den Anti-Politiker Köhler, der auf der Liste der beliebtesten Politiker ganz vorne steht. Jeder kann sich seinen Köhler aussuchen, auch die SPD.

    (SZ vom 15.05.2008/woja)

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    Leserkommentare (11)



    15.05.2008 15:39:32

    KvJ: Armutszeugnis

    Dass die SPD nicht einmal einen eigenen Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten präsentiert, weil dieser womöglich von den Linken gewählt würde, zeigt, dass die Sozialdemokraten eine Partei des kleinlauten Taktiererei, des Anpassertums und der personellen Mittelmäßigkeit geworden sind. Aber wen wundert's? Ein Blick in die Führungsriege der SPD verrät, dass Politiker von der Statur eines Herbert Wehner, Willy Brandt oder Helmut Schmidt weit und breit nicht zu sehen sind. Die Genossen scheinen nicht einmal mehr in der Lage, sich mit ihrem ehemaligen Vorsitzenden poltisch auseinanderzusetzen. Wissen die Genossen überhaupt nicht mehr, was und wohin sie wollen? Merken sie nicht, dass ein Großteil ihrer Anhängerschaft an ihnen irre wird.


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