Und wenn die Welt voll Schnösel wär
SPD-Chef Kurt Beck
20.06.2008, 17:12
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Von vielen nur noch von oben herab betrachtet: SPD-Chef Kurt Beck (Foto: dpa)
Kurt Beck führt seit zwei Jahren genau das Leben, vor dem er sich selbst stets gewarnt hatte. Doch, dieser Mann hat viel erreicht, und das nicht bloß, weil er sich, aus einer Arbeiterfamilie stammend, zum Regierungschef eines Bundeslandes, in die Welt der Akademiker, hochgearbeitet hat.
Er ist mittlerweile der dienstälteste Ministerpräsident, was schon deswegen bemerkenswert ist, weil er das als Sozialdemokrat in Rheinland-Pfalz geschafft hat. Rheinland-Pfalz ist ein katholisches, bäuerlich-mittelständisches Biotop, wo die Menschen nach wie vor mehrheitlich CDU wählen - außer, wenn Landtagswahl ist. Kurt Beck hat dort dreimal gewonnen, vor zwei Jahren hat er für die SPD sogar die absolute Mehrheit errungen. Wenn es nach seiner eigenen Lebensplanung gegangen wäre, hätte er bis zum Erreichen des Pensionsalters in Mainz regiert.
Das größte anzunehmende Gegenteil zu Rheinland-Pfalz
Es ging aber nicht nach seiner Lebensplanung. Kurt Beck ist ein Mensch, der im Unterschied zu vielen anderen im politisch-journalistischen Betrieb, stets wusste, was er kann und was nicht. Als Ministerpräsident ist er ein guter Manager von praktischen Dingen. Dass er kein besonders begabter Redner ist, weiß er selber, und um den Titel des Vordenkers seiner Partei hat er sich auch nie beworben.
Es wäre auf solche Fähigkeiten bei ihm auch nie angekommen, hätte sich die SPD aus Gründen, die nun wirklich nichts mit ihm zu tun haben, 2006 nicht in eine Situation gebracht, in der für den Parteivorsitz sonst niemand mehr da war. Also hat Beck die Aufgabe übernommen - ja, durchaus auch geschmeichelt von dem Gedanken, der Nachfolger von August Bebel und Willy Brandt zu sein. Vor allem aber schwante ihm auch, was auf ihn zukommen würde.
Denn Berlin ist als Polit-Biotop das größte anzunehmende Gegenteil von Rheinland-Pfalz, wo die Menschen im Ministerpräsidenten immer noch auch den Kurfürsten sehen, wo es nur vier Zeitungen gibt (von denen drei harmlos sind), und wo die Opposition seit fast 20 Jahren mit sich selbst beschäftigt ist. In Berlin gieren viele nach den Schwächen, die einer hat, vor allem dann, wenn er sie allzu offenkundig in jenen Disziplinen zeigt, die im Betrieb der Hauptstadt besonders viel gelten, zum Beispiel in Rhetorik und der Kunst des souveränen Auftritts.
Kurt Becks Probleme in diesen Disziplinen sind zu einem guten Teil auf zwei Gründe zurückzuführen. Weil er es im Unterschied zu anderen Politikern aus den Bundesländern, ob sie nun Lafontaine, Schröder oder Kohl hießen, auf den großen Karriereschritt nie angelegt hatte, näherte er sich dem Berliner Betrieb vollkommen ungerüstet.
Mittlerweile formen auch die Schnösel sein Bild
Und weil dessen Spielregeln ihm im Grunde seines Wesens zuwider sind, hat er darüber hinaus nie versucht, sich wenigstens im Nachhinein mit dem nötigen Rüstzeug zu versehen. Schlimmer noch, Beratung wird von ihm leicht missverstanden als der Versuch, ihn verbiegen zu wollen.
Wer Beck zum Beispiel rät, einen Rhetoriktrainer zu nehmen oder sich ein Team zu halten, das seine Gedanken redigiert, weil in Berlin als peinlich gilt, was an der Mosel als volksnah empfunden wird - der löst bei ihm die Befürchtung aus, dass er, der Maurersohn, am Ende noch zum Lesen von Sloterdijk und zum Besuch von "Lohengrin" gebracht werden soll. Und da schaltet Kurt Beck dann auf stur.
Das hat zur Folge, dass mittlerweile auch die Schnösel das Bild von ihm formen. Der Spiegel schickt ihm zwei Interviewer, die feixend fragen, ob er zur Entspannung Yoga mache - wissend, dass Yoga zu Beck passt wie Saumagen zum Dalai Lama. Ein anderer Journalist macht aus Becks Gruß "Gute Nacht", gesprochen nach einer Koalitionsrunde vorm Kanzleramt, eine Bewertung der Lage der SPD. Jeder Volontär meint inzwischen, eine Pointe auf Becks Kosten sei schon eine gute Pointe. Und der, aufgewachsen und geprägt in Rheinland-Pfalz, liest und hört es und versteht die Welt nicht mehr.
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![]() 22.06.2008 19:47:51 derblauebarbar: Man kann sich allerdings schon fragen, ob das, was in Berlin als nicht peinlich gilt, tatsächlich als gesellschaftlich relevanter Maßstab zu werten ist. Ich weiß, das hat der Kommentar nicht behauptet, aber Beck wird doch, wenn er abgeschossen wird, deshalb entthront, weil er in Berlin nicht reüssiert. Und "Berlin" wird nach wie vor als Chiffre gelesen für das "moderne" Deutschland. Dabei ist das, was an der Mosel, in Franken oder in Schleswig, doch auch Deutschland, oder nicht? Und deshalb ist das Beck-bashing doch eigentlich ein intellektuelles Armutszeugnis - aber nicht für Beck, sondern für all jene (Medienschnösel), die gern sich selbst und "Berlin" für den Maßstab erachten. ![]()
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