In der süditalienischen Stadt eskaliert die Gewalt. Der Ruf nach dem Einsatz der Armee wird immer lauter - doch Premier Prodi will das Problem anders lösen.
Nach dem wieder aufgeflammten Mafia-Krieg in Neapel hat Ministerpräsident Romano Prodi zum entschlossenen Kampf gegen das organisierte Verbrechen aufgerufen.
"Solange die Legalität nicht siegt, wird sich in Neapel nichts ändern", sagte Prodi am Donnerstag bei einem "Krisengipfel" in der Hochburg des Verbrechens. "Wir müssen Neapel helfen, damit es aus dem Tunnel herauskommt."
Zugleich äußerte er sich skeptisch zur Forderung nach einer Stationierung von Soldaten. "Die Armee ist derzeit nicht notwendig." Auch könne die Armee die Ursachen des ausgebrochenen "Krieges der Clans" nicht lösen.
Entscheidend sei die wirtschaftliche Entwicklung der Krisenregion Neapel. Prodi wies Kritik zurück, die Welle der Gewalt werde durch ein Amnestiegesetz seiner Regierung begünstigt, wonach auch Schwerverbrecher und gefährliche Täter aus der Haft kommen.
Allein seit Jahresbeginn wurden in der Millionenstadt Neapel mehr als 70 Menschen ermordet, viele Verbrechen gehen auf das Konto der Camorra, der lokalen Mafia-Organisation. Erst kurz vor dem Eintreffen Prodis wurde ein 34-jähriger Mann bei einem Überfall im Zentrum der Stadt von Unbekannten durch Messerstiche schwer verletzt.
Sicherheitsexperten sprechen von einem Kampf rivalisierender Familien um die Kontrolle des Drogengeschäfts in Neapel. "Die Clans kämpfen um die Kontrolle der Straßen, wo die Drogen verkauft werden", sagte der neapolitanische Staatsanwalt Franco Roberti. Bereits in den Jahren 2004 und 2005 starben bei einem "Krieg der Clans" weit mehr als hundert Menschen.
Um die Spirale der Gewalt zu bekämpfen, schickt die Regierung 1000 zusätzliche Polizisten in die süditalienische Stadt. Bereits heute sind dort 13.500 Polizisten im Dienst. An den "kritischen Punkten" sollen Überwachungskameras installiert werden. Auch soll die neapolitanische Polizei mehr Motorräder erhalten, um in engen Gassen, "Problemzonen" sowie im Zentrum mehr Präsenz zu zeigen.
Erst am Dienstagabend hatten sich innerhalb von zwei Stunden drei Morde ereignet, bei denen es sich nach Ansicht von Experten eindeutig um "Abrechnungen der Camorra" handelte. Zwei Männer, die erst kürzlich aus der Haft kamen, wurden auf der Straße in der Nähe einer Polizeikaserne erschossen. Kurz darauf wurde der Besitzer eines Videoladens in seinem Geschäft umgebracht.
"Das sind eindeutig Hinrichtungen nach Art des organisierten Verbrechens“, hieß es in Medienberichten. Staatspräsident Giorgio Napolitano, der aus Neapel stammt, äußerte sich entsetzt. Die Stadt erlebe "die schlimmsten Tage seit sehr langer Zeit".
Ein Einsatz der Armee wird von vielen Experten eher zurückhaltend beurteilt. Solche Einsätze hätten in der Vergangenheit nichts gebracht, meinte Innenminister Giuliano Amato. "Wir brauchen einen neuen Plan zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Stadt."
Experten schätzen den Jahresumsatz der Camorra-Geschäfte auf etwa 16 Milliarden Euro. Neben Drogen, Prostitution und Erpressung seien die "Paten" bereits in viele legale Sektoren eingestiegen, etwa ins Baugeschäft, heißt es.
Insgesamt 10.000 Menschen würden im Großraum Neapel für das organisierte Verbrechen arbeiten, berichtete das staatliche italienische Fernsehen. Die hohe Arbeitslosigkeit treibe der Mafia vor allem viele junge Leute in die Arme.
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