Die Wahl zwischen Puff und Propagandazentrum: Ein Mühlenbesitzer benutzt die NPD, um die Genehmigung für einen FKK-Club durchzusetzen.

Rieger und Wulff, ddpGrossbild

Braune Interessen, die die Immobilienpreise steigern: Der rassistische Rechtsanwalt Jürgen Rieger und NPD-Kader Thomas Wulff. (Foto: ddp)

Es ist inzwischen beinahe Routine geworden, dass Neonazis verzweifelten Immobilienverkäufern gerne dabei behilflich sind, mattes Interesse an ihren feilgebotenen Objekten ein wenig anzuheizen.

Landgasthäuser, Bahnhöfe, Stadthallen, Hotels und Kinos ob in Niedersachsen, Baden-Württemberg, Brandenburg oder Bayern - offenbar würden Neonazis in ganz Deutschland in jedem abrissreifen Gebäude ein "Schulungszentrum" errichten, wenn sie nur kaufen dürften. Meistens aber kaufen andere, sobald die vermeintlichen braunen Begehrlichkeiten publik werden, nämlich die betroffenen Kommunen selbst - zu überhöhten Preisen. V

Verfassungsschützer sind sicher, dass Neonazis nach erfolgreichem Verkauf eine Provision für ihre nur zum Schein angemeldeten Absichten kassierten. So weit, so bekannt. Das niedersächsische Embsen jedoch ist nun mit einer besonders pikanten Variante dieses Spielchens konfrontiert: Für die dortige Windmühle, die schon länger zum Verkauf steht, interessiert sich außer der braunen Szene auch das Rotlicht-Milieu. Die Alternative lautet nun womöglich: Puff oder Propaganda-Zentrum?

Zweifelhafter Ruf

Die Mühle liegt gut sichtbar mitten im Ort an der Hauptstraße von Embsen, einem Ortsteil der niedersächsischen Stadt Achim ganz in der Nähe von Bremen. Bis vor wenigen Jahren war in der Mühle ein seriöser Saunabetrieb untergebracht, viele Stammgäste schwitzten im rustikalen Ambiente und kühlten sich im schönen Garten wieder ab.

Doch als der Pächter wechselte, stand die ehedem renommierte Mühlensauna bald im Verdacht, ihre Unschuld verspielt zu haben. Die Stammkunden blieben weg, neue Gäste aus der Gegend schreckte der nun zweifelhafte Ruf des Etablissements ab.

Da das Image schon einmal ruiniert ist, würde Mühlenbesitzer Andreas Lange jetzt am liebsten alle Unklarheiten beseitigen und sein repräsentatives Anwesen gänzlich dem nackten Vergnügen widmen, etwa in Form eines Swinger-Clubs oder einer "FKK-Sauna".

Interessenten gibt es, Bauvoranfragen auch, aber die Pläne, die der Eigentümer im örtlichen Weser-Kurier nicht verhehlte, stießen auf Ablehnung der Stadt Achim. Sie mochte einer notwendigen Nutzungsänderung für einen ihrer Meinung nach bordellartigen Betrieb nicht zustimmen.

Lange fiel gegen die bockigen Behörden ein altbekanntes Rezept ein: Schon im April tauchte der Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger, stellvertretender Bundesvorsitzender der rechtsextremen NPD, werbewirksam in Achim auf und ließ sich "sowie 51 Kameraden", wie es in der örtlichen Parteichronik stolz vermerkt wird, die Räumlichkeiten der Mühle vorstellen. Regionale NPD-Größen schwadronierten sodann von einem "Tagungszentrum mit angeschlossenem Wellnessbereich", das sie dort einrichten wollten.

Braune Scheininteressen

Wie einst im Bahnhof der niedersächsischen Stadt Melle, den Rieger ebenfalls angeblich zu einem völlig überzogenen Preis für die NPD erwerben wollte, hing auch in der Mühle Embsen alsbald die NPD-Fahne und hängt dort noch immer. Gekauft haben die Neonazis freilich weder den Bahnhof noch bis jetzt die Mühle.

Der bekennende Rassist Rieger nervt in der Gegend häufiger. Seit Jahren liegt er mit den dortigen Behörden im Clinch, die ihm eine Nutzung des Heisenhofes, eines von Rieger ersteigerten ehemaligen Bundeswehrgeländes, verbieten wollen. Rieger war es auch, der vor zwei Jahren den Preis für ein leerstehendes Hotel im nahen Delmenhorst mit seinem angeblichen Interesse auf drei Millionen Euro trieb. Laut dem Netzwerk "recherche nord" sollen zehn Prozent dieser Summe, die letztlich die Stadt Delmenhorst und spendende Bürger aufbrachten, ins braune Lager geflossen sein. Das teure Hotel wird demnächst abgerissen.

Und nun: Achim. Am vergangenen Wochenende erst gründete sich dort der NPD-Unterbezirk Mittelweser, als Kulisse fürs erste Vorstandsfoto diente erneut die Efeu-umrankte Embser Mühle. Der Weser-Kurier zitierte Mühlen-Eigner Lange, nachdem der munter einen NPD-Spaziergang durch Achims City angekündigt hatte, zwar so: Auch er könne sich Besseres vorstellen als "mit diesen Idioten durch die Gegend zu latschen".

In seinem Fall sind die braunen Scheininteressenten aber wohl doch nützlich gewesen. Die übergeordneten Landkreis-Behörden jedenfalls missachteten am Mittwoch die Vorstellungen der Stadt, setzten alles auf Rot und ließen wissen, einen Amüsierbetrieb in der Mühle zu akzeptieren. Dabei, sagte ein Landkreissprecher, habe das NPD-Interesse aber "nur eine untergeordnete Rolle" gespielt. Es sei zu offensichtlich nur vorgetäuscht gewesen. Jürgen Rieger dürfte dennoch auf Provision drängen.

(SZ vom 31.07.2008/hai)

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Leserkommentare (26)



01.08.2008 18:09:30

willy13: planbare Hysterie

Ist aber auch erstaunlich, wie gut diese Immobilienmarketing mittels planbarer Hysterie funktioniert. Der Verkäufer o.ä. braucht ja nur anzudeuten, dass die NPD eventuell Interesse am Objekt entwickeln könnte- und schon setzt sich die übliche Mechanik in Bewegung.

Am Ende steht dann immer die ohnehin überschuldete Kommune mit einer überteuerten unverkäuflichen Investruine da.


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