Er ist Merkels Mann für den Hintergrund: Kanzleramtschef Thomas de Maizière muss meist im Stillen wirken. Doch nicht nur sein Umgang mit der BND-Affäre zeigt: Der 53-Jährige gewinnt an Macht.
Bild vergrößern
Aufmerksamer Zuhörer: Thomas de Maizière Foto: ddp
Der Mann sitzt da und regt sich nicht. Keine Bewegung, keine Emotion, nichts. Auch eine Wachsfigur könnte das jetzt nicht besser. Selbst als um ihn herum Gelächter ausbricht, zuckt bei ihm kein einziger Muskel. Diszipliniert, konzentriert, aufmerksam lauscht er seiner Chefin. Womöglich könnte ihm jetzt der Himmel auf den Kopf fallen. Er würde durchhalten. Sitzen bleiben, die Form wahren. Ein Preuße, wie er selten geworden ist unter Politikern. "Ich gebe zu, ich bin da ein bisschen altmodisch."
Thomas de Maizière heißt der Mann. Und er ist Kanzleramtsminister. Was tatsächlich noch einmal gesagt werden muss, weil er zwar zu den mächtigsten Leuten gehört im Regierungssystem von Angela Merkel, ihn aber auf der Straße so gut wie niemand kennt. Er sammelt keine eigenen Lorbeeren, er muss sich bescheiden, er ist fast so etwas wie ein Antityp des Ministers.
Mögen andere im Kabinett Interviews und Pressekonferenzen sammeln, um bekannt und bekannter zu werden, de Maizière kann seine Großauftritte auch nach 30 Monaten an einer Hand abzählen. Er hasst die "ich auch"-Äußerungen, in denen Politiker Gesagtes nochmal "begrüßen" oder "unterstreichen" oder "verurteilen". Er ist in Merkels Umfeld der Mann für die Arbeit unter der Oberfläche, nicht für das von ihm oft beschimpfte "Politgequatsche".
Aufmerksamer Zuhörer
Wenn de Maizière im Bundestag sitzt, dann hinter einem Berg Akten. Er ist zuständig für die Fakten. Von dieser Aufgabe kann es keine Pause geben, also sind die Unterlagen auch dabei, wenn Merkel im Parlament eine Regierungserklärung abgibt. Redet Merkel, ist de Maizière ganz Ohr, lässt alles andere links liegen. Spricht FDP-Chef Guido Westerwelle, verschwindet er in den Papieren.
Redet Kurt Beck, hebt de Maizière hie und da den Kopf, um das Wichtigste nicht zu verpassen. Ist Beck fertig, hat sich für de Maizière der Tag im Parlament erledigt. Lafontaine? Künast? Beckstein? Sind zu uninteressant im Vergleich zu den anderen Aufgaben. Wer wissen will, wie ernst er genommen wird in Merkels Zirkel - ein Blick auf de Maizière genügt meist.
Ein eigenes Profil aber hat der 53-Jährige sich auch zweieinhalb Jahre nach Amtsantritt nicht erworben. Seine Jobbeschreibung hat das quasi ausgeschlossen. Er soll im Hintergrund bleiben, Infos aussortieren, Ergebnisse vorbereiten. Merkels Maschine am Laufen halten. Die Kanzlerin soll die politischen Lorbeeren ernten, er muss das Funktionieren des Apparats garantieren.
Die Folgen im eitlen Hauptstadtbetrieb sind eindeutig: Dieser Thomas de Maizière, in Sachsen einst Finanz-, Justiz- und dann Innenminister, hat kein eigenes politisches Gesicht bekommen. "Ich kann in Berlin in jede Kneipe gehen, ich werde nicht gestört, mich kennt hier keiner."
Sein Einfluss wächst und wächst
Das freilich sagt wenig aus über seinen Einfluss. Seine Rolle ist gewachsen. Am Anfang kam er enthusiastisch, aber auch naiv ins Amt, gab flott einige Interviews, verbarg kaum seine CDU-Herkunft - und prallte gegen zwei Mauern. Hier gab es den Zorn der SPD, die ihn als allzu parteiisch empfand. Dort kollidierte er mit Merkels Machtgefüge. Genauer: Er stieß mit Merkels Büroleiterin Beate Baumann zusammen.
Wie sich die Kanzlerin in der Öffentlichkeit präsentiert, wann sie wo wie was sagt, steht vor allem unter Baumanns Einfluss. Fast alles aber, was das detaildominierte Regierungsgeschäft betrifft, ist bei de Maizière gelandet. Natürlich spielen auch CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla und Regierungssprecher Ulrich Wilhelm eine wichtige Rolle. Weil Informationen aber Macht bedeuten, ist de Maizières Macht gestiegen. Man kann das erleben.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, weshalb Thomas de Maizière nicht in Leipzig blieb, sondern nach Berlin ging.
(Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2) nächste Seite
In diesem Artikel:

Ein Mann und seine Sprüche
Deutschlands Mutti
Patzer, Pannen, Palin
"Spätrömische Dekadenz"
Rothemden bis zum Horizont
Ikone des Protests
Pomp, Politik, Polygamie