Der ARD-Korrespondent ist für eine Reportagenserie durch das Riesenreich gereist. Thomas Roth zeigt den Alltag der Russen - und hat gefragt, was sie von ihrem Präsidenten erwarten.
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ARD-Korrespondent Thomas Roth war mit seinem Team sechs Wochen in Russland unterwegs - unter anderem in Sotschi, wo er Pjotr Fedin traf Foto: WDR
Thomas Roth, 56, leitet seit Mai 2007 das ARD-Studio in Moskau. Vom heutigen Montag bis zum Freitag, den 29. Februar berichtet Roth im "Morgenmagazin" und in den "Tagesthemen" von seiner Reise quer durch Russland im Vorfeld der Präsidentschaftswahl am 2. März 2008.
sueddeutsche.de: Herr Roth, wieso berichten eigentlich alle Medien über eine Wahl, die bereits entschieden ist?
Thomas Roth: Das ist doch der Grund, weshalb wir berichten. Natürlich wird Dimitrij Medwedjew die russische Präsidentschaftswahl am 2. März deutlich gewinnen. Aber das Interesse der Deutschen an Russland ist weiterhin sehr groß. Die Menschen wollen wissen, warum die Wahl so abläuft, wie sie abläuft.
sueddeutsche.de: Präsident Wladimir Putin hat bei seinem letzten großen Auftritt erklärt, es werde "keine Probleme" zwischen ihm und seinem Wunschnachfolger geben. Wird Medwedjew in Zukunft überhaupt etwas zu sagen haben?
Roth: Für mich ist der einzige Schluss, den man aus Putins Auftritt bei der Jahrespressekonferenz ziehen kann: Er platzt fast vor Selbstbewusstsein und tritt enorm souverän auf. Es war eine Mischung aus Abschieds- und Krönungsmesse, die mehr als vier Stunden dauerte und landesweit live übertragen wurde. Es zeichnet sich ja die für Russland neue Konstellation einer Doppelspitze ab, aber der starke Mann ist Putin. Es wird in den nächsten Monaten sehr spannend zu beobachten, ob Medwedjew nach seiner Wahl weiterhin der treue Diener seines Herren bleibt. Als Präsident verfügt er über mehr Macht als der Ministerpräsident, der womöglich Putin heißt. Doch die russische Geschichte zeigt, dass sich bisher die Kremlchefs stets emanzipiert haben.
sueddeutsche.de: Seit der Unabhängigkeit 1991 hat es stets starke Figuren wie Gouverneur Alexander Lebed gegeben, die als Gegenspieler auftraten. Diese Männer fehlen momentan in Russland.
Roth: Das stimmt. Alle potentiellen Gegenspieler sind in Putins Amtszeit ausgeschaltet worden. Die Regionalgouverneure werden nicht mehr vom Volk gewählt, sondern vom Präsidenten ernannt - und im Zweifel ausgetauscht. Konkurrenten wie der liberale Politiker Boris Nemzow oder Ex-Ministerpräsident Michail Kassjanow können keine Räume für Veranstaltungen mieten und die staatlichen Medien ignorieren sie. Kassjanow wurde nicht als Kandidat zugelassen, weil angeblich Unterschriften gefälscht wurden. Ich bin überzeugt, dass Putin und die Kremlpartei die Parlamentswahl im Dezember auch ohne diese Schikanen gewonnen hätte. Gleiches gilt für Medwedjew: Er bekäme dann eben nicht 80 Prozent der Stimmen, sondern nur 60 oder 70 Prozent.
sueddeutsche.de: Sie sind in den letzten Wochen einmal quer durch Russland gereist. Was erwarten die Menschen von ihrem neuen Präsidenten?
Roth: Sie erwarten, dass er die drängendsten Probleme des Landes anpackt und löst. Wir haben die Leute direkt gefragt: "Was würdet ihr den Präsidenten fragen?" Ihre Antworten ergeben so etwas wie das Regierungsprogramm des neuen Staatsoberhaupts. Das Ziel unserer Reise war es, eine Art Russland-Mosaik zu zeichnen und ganz normale Menschen jenseits der Politik zu porträtieren. Doch die Politik spielt im Alltag überall hinein.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, was sich die Russen von ihrem neuen Präsidenten wünschen.
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