Alfred von Tirpitz

Chef der kaiserlichen Flotte: Alfred von Tirpitz auf einer colorierten Aufnahme. Foto: Das Gupta

sueddeutsche.de: Bei Kriegsausbruch 1914 tanzten viele Deutsche auf der Straße, nach dem Motto: Endlich geht es los. Dachte die Bevölkerung genauso militaristisch wie Wilhelm II. und seine Kamarilla?

Röhl: Nein. Wir reden hier von 65 Millionen Menschen, das war eine heterogene Gesellschaft wie heute. Ein Teil war militaristisch, aber es war eben auch nur eine Kaste.

sueddeutsche.de: Eine entscheidende Kaste.

Röhl: So ist es: Deutschland und die Welt hatte das großes Unglück, dass sich Wilhelm II. mit Leuten dieser Kaste umgeben hat. Hätte man ein parlamentarisches Regierungssystem gehabt, in dem das deutsche Volk mehr zur Geltung gekommen wäre, wäre die Geschichte meines Erachtens ganz anders verlaufen.

sueddeutsche.de: Wäre ohne Wilhelm II. das Grauen des 20. Jahrhunderts - die beiden Weltkriege, das damit verbundene Leiden und letztendlich auch der Holocaust - erspart geblieben?

Röhl: Das kann man so nicht sagen. Ich bin davon überzeugt, dass die Bismarck'sche Reichsgründung ohnehin ein Problem in Europa geschaffen hatte.

sueddeutsche.de: Vorher glich Deutschland einem Flickenteppich von einigen großen und vielen kleinen Staaten. Inwiefern war die Reichsgründung von 1871 problematisch?

Röhl: Das Deutschland, das sich von Metz bis zur Memel und Helgoland bis Kattowitz erstreckte, war ein Riesenbrocken im Herzen des Kontinents - dort, wo früher eine Art Vakuum geherrscht hatte. Das Reich wurde - ohne das Zutun von Wilhelm II. - extrem erfolgreich: wirtschaftlich, wissenschaftlich, in jeder Beziehung. Vor 1914 war Deutschland der vielleicht erfolgreichste Staat der Welt. Dass dieses anwachsende Reich zwangsläufig ein großes Problem für das europäische Staatensystem wurde, liegt für mich auf der Hand. Die Frage ist nur: Hätte es ohne Wilhelm zum Krieg kommen müssen? Ich glaube nicht. Eine gemäßigte Regierung hätte in Absprache mit Großbritannien, Frankreich, Russland und Amerika einen Weg gefunden, wie dieser Riesenstaat sich friedlich in Europa eingeordnet hätte. Diese Chance wurde vertan, weil Wilhelm niemand anderes an die Macht heranlassen wollte. Er wollte absolutistisch herrschen. Er verstand sich als Militär und verachtete Zivilisten und Diplomaten, Demokraten erst recht.

sueddeutsche.de: Alleine regiert hat der Kaiser jedoch nicht - die Höflinge und Generäle trieben ihn an.

Röhl: Aber natürlich. Vor allem die Generäle, aber auch die Admiralität. Marine-Chef Alfred von Tirpitz wusste zwar, dass seine Flotte bis 1914 nicht fertig werden würde, aber er sagte 1913 sinngemäß: "Besser, wir riskieren jetzt alles, als weiterwurschteln wie bisher."

kaiser wilhelm revolution 1918 foto: das guptaBild vergrößern

Verloren ihre Throne im November 1918: Die gestürzten Fürsten auf einer Postkarte, die im Folgejahr in München gedruckt wurde. Bild: Das Gupta

sueddeutsche.de: Den Militärs war also klar, dass es ein Spiel um Alles oder Nichts ist?

Röhl: Der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn sagte bei Kriegsausbruch: "Selbst wenn wir untergehen: Schön war’s doch." Aber im Großen und Ganzen war das Militär relativ sicher, einen Krieg gegen Frankreich und Russland blitzartig gewinnen zu können. Die Bedeutung von England und seiner Seemacht haben sie total unterschätzt.

sueddeutsche.de: Machte Wilhelm II. diesen Fehler auch?

Röhl: Er hat die Rolle Englands in der Julikrise 1914 durchaus besser eingeschätzt, deshalb ist er zwischenzeitlich auch zögerlich geworden. Aber diese Stimmung hatte er auch nur drei, vier Tage, dann glaubte er wieder an den Sieg. Er und die Generäle waren sich ja sicher, die perfekteste Kriegsmaschinerie der Welt zu befehligen.

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