Ein Kommentar von C. Hickmann

Den hessischen SPD-Spitzenkandidaten kennt kaum einer - er ist chancenlos. Thorsten Schäfer-Gümbel hat nur eine Aufgabe: Er muss Andrea Ypsilanti schützen.

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Als "Generationswechsel"wird die Ernennung Thorsten Schäfer-Gümbels verkauft, doch noch kurz zuvor überging ihn Andrea Ypsilanti brutal. Foto: dpa

Bei aller Häme und Belustigung über die Kür des hessischen Landtagsabgeordneten Thorsten Schäfer-Gümbel zum SPD-Spitzenkandidaten bleibt eines festzuhalten: Dem Mann ist nichts vorzuwerfen - abgesehen davon, dass er nicht zu merken scheint, welch zynisches Spiel mit ihm getrieben wird.

Als "Generationswechsel" wird seine Ernennung verkauft, doch als die Regierungspfründe greifbar nah waren, überging Andrea Ypsilanti den jetzt plötzlich entdeckten Hoffnungsträger noch brutal. Und auf die Frage, ob der Spitzenkandidat denn auf Listenplatz eins antrete, antwortete sie, dass dies die Parteibezirke entschieden. So viel zum Thema Wertschätzung jenes Mannes, der für seinen Opfergang schon jetzt Respekt verdient.

Die Auswahl potentieller Kandidaten war nach dem Debakel vor einer Woche denkbar gering, doch es hätte andere gegeben - zwar keinen mit Siegchancen, aber doch solche, deren Bekanntheitsgrad man in zwei Monaten zumindest auf ein erträgliches Maß hätte steigern können.

Auch das Argument, Schäfer-Gümbel sei im Gegensatz zur ersten (und auch zweiten) Reihe der Partei unbelastet vom Vorwurf des Wortbruchs, geht ins Leere. Er ist nur deshalb unbelastet, weil ihn niemand kennt, weil man ihn nicht dabeihaben wollte auf all den schönen Bildern, weil neben Ypsilanti und ihren Leuten nie Platz war für den Vasallen. Innerhalb der Partei aber war er einer der vehementesten Befürworter, und die CDU hat bis Mitte Januar Zeit, dies den Wählern in die Schädel zu hämmern.

In Wahrheit ist Schäfer-Gümbel der für Ypsilanti bequemste Kandidat. Unabhängig davon, was ihm für die Zeit nach der Wahl in Aussicht gestellt wurde (von Versprechungen mag man kaum noch reden), hat er nicht den Landesvorsitz eingefordert, ja nicht einmal den Spitzenplatz in der Fraktion.

Gerade dieser Posten ist nicht so bedeutungslos, wie es alle glauben machen wollen: Vor der Landtags-Auflösung steht noch eine Sitzung an. Als Chef für einen Tag hätte Schäfer-Gümbel wenigstens annähernd auf Augenhöhe mit Koch debattieren können. So aber bleibt er Thorsten Ohne-Land.

Um das Land geht es Ypsilanti mit dieser in ihrem engsten Kreis gefällten Entscheidung nicht. Es ist eine reine Parteientscheidung; der linke Flügel behält alle Zügel in der Hand - auch für die Zeit nach der Wahl. Andere Kandidaten wären womöglich zur Gefahr geworden.

Diese Partei-Fokussierung lähmt die SPD im Allgemeinen und den hessischen Landesverband im Besonderen immer wieder. Es geht dieser Partei nicht darum, ein Land zu gewinnen und es dann zu regieren; es geht darum, innerhalb der Organisation die Macht zu behalten.

Welche Auswirkungen das hat, kann man nirgends besser beobachten als in Hessen; das Wort vom Flügelkampf ist dort eine beinahe fahrlässige Verharmlosung. Welche Auswirkungen es noch haben wird, dürfte man Mitte Januar beobachten können - zum ersten Wahltermin des nicht ganz unwichtigen Wahljahres 2009.

(SZ vom 10.11.2008)