Von Oliver Bilger

Der Guardian will getöteten und verhafteten Anhängern der iranischen Opposition ein Gesicht geben. Die Leser sollen Informationen dazu liefern.

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Informationen über 317 getötete oder verhaftete Oppositionelle hat der Guardian bislang gesammelt. Screenshot: guardian.co.uk

Immer wieder Neda. Die Studentin, die bei den Massenprotesten gegen die Präsidentenwahl in Iran ihr Leben ließ, führt natürlich auch diese Liste an: Todesopfer und Gefangene des iranischen Protests. Die britische Tageszeitung Guardian bemüht sich derzeit, Informationen über die Opfer der Proteste zusammenzutragen. Auf seiner Webseite hat das Blatt eine Übersicht angelegt.

Dort ist ein Foto der hübschen Studentin zu sehen, zusammen mit dem Hinweis auf ihren Tod am 20. Juni. "Philosophiestudentin der Universität Teheran", heißt es in wenigen erklärenden Zeilen darunter. "Erschossen auf einer Demonstration in Teheran. Das Video ihres Todes wurde der Öffentlichkeit über Youtube zugänglich gemacht, und machte sie zu einer Ikone der Proteste."

"Suche nach den Verschwundenen", nennt der Guardian diese Aktion. "Wir wollen jenen Hunderten, vielleicht Tausenden, ein Gesicht geben, die seit der Präsidentenwahl getötet oder verhaftet wurden", schreibt die Zeitung. Die Liste sei noch nicht umfassend, heißt es in dem Blatt weiter. Deshalb rufen die Journalisten ihre Leser auf, die Übersicht zu vervollständigen. Informationen und Fotos können über die Homepage direkt an das Blatt geschickt werden.

Bei der Aktion der Journalisten handele sich um einen Versuch, die Unterdrückung von Regimekritikern und freier Berichterstattung seit der Wahl in Iran zu brechen, schreibt Simon Jeffery im Blog des Guardian.


Hinter Nedas Bild reihen sich Dutzende Schattenrisse von anderen "Gesichtern der Toten und Inhaftierten" der iranischen Wahl. Die Umrisse sind nicht schwarz im Internet abgebildet, sondern in Grün, der Farbe der Protestbewegung. Insgesamt sind aktuell 317 Menschen aufgeführt. Die unübersichtliche Informationslage in Iran macht es schwer, an verlässliche Zahlen zu kommen.

Zu den meisten Namen und Umrissen gibt es derzeit noch weit weniger Informationen als im Fall der Studentin Neda. Veröffentlicht ist oft nur der Name und ob die Person hinter dem Umriss verhaftet oder getötet wurde. Das Alter ist in den überwiegenden Fällen unbekannt, ebenso wie nähere Angaben über das jeweilige Schicksal. Aufgelistet sind Politiker, Studenten, Rechtsanwälte, Journalisten, Universitätsgelehrte - kurzum: Anhänger der Opposition und Protestierende auf den Straßen Teherans.


Die Redaktion des Guardian hat die Informationen aus Presseberichten, von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch, Reporter ohne Grenzen oder der International Campaign for Human Rights in Iran zusammengetragen. Über Twitter forderten die Journalisten die Leser des Blattes auf, sich an der Suche zu beteiligen. Hunderte Hinweise seien innerhalb eines Tages eingegangen, heißt es im Guardian-Blog.

In drei Kategorien hat der Guardian die Oppositionellen für einen schnelleren Überblick eingeteilt: "tot", "verhaftet" sowie "verhaftet und freigelassen". Letztere Auswahlmöglichkeit, in der sich auch die iranischen Mitarbeiter der britischen Botschaft in Teheran wiederfinden, zeigt bislang noch vergleichsweise wenige Treffer an.

(sueddeutsche.de/gba)