Der Mann, der George Bush erfand
Reportage
27.09.2004, 17:01
Hinter der Fassade eines Biedermanns steckt ein Machtmensch mit den Instinkten eines Pitbulls. (Foto: AP)
Washington, 27. September – Wer wissen will, wie der mächtigste Mann Amerikas tickt, der sollte ein wenig von Krocket verstehen. Nein, nicht Baseball oder Football, sondern Krocket, jener anscheinend so blutleere Zeitvertreib der englischen Oberklasse, bei dem auf kurz geschorenem Rasen kleine Bälle mit langstieligen Holzhämmern durch gusseiserne Tore bugsiert werden.
Doch das beschauliche Bild trügt: Bei keiner anderen Sportart lauern hinter höflichen Manieren so viel gnadenlose Brutalität und durchtriebene Bosheit. Krocket ist eine Mischung aus Billard, Golf und Schach – allerdings zu spielen mit dem verbissenen Siegeswillen eines Gladiators, der den Thunderdome überleben will.
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Schwerpunkt Der Kampf ums Weiße Haus |
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Wie Mad Max sieht Karl Rove freilich nicht aus. Kurzsichtig lugen arglos geweitete Augen hinter blitzenden Brillengläsern hervor. Mit dem kaum kaschierten Bauchansatz, seiner hohen Stirn und dem schütteren Haar erinnert er an eine amerikanische Wiedergeburt des schüchternen Franz Schubert.
Doch das beschauliche Bild trügt: Hinter der Fassade des Biedermannes lauert ein Machtmensch mit den Instinkten eines Pitbull. Beim Krocketspiel verwandelt er selbst seine Ehefrau Darby in ein heulendes Häufchen Elend, wie diese einmal ungeniert bekannte; in der Politik versetzt er den Gegner in einen Zustand der Starre, den die spitzzüngige Kolumnistin Maureen Dowd von der New York Times als „vorbeugende Paranoia“ bezeichnete.
Die Demokratische Partei der USA hat schon lange gelernt, dass es fatal wäre, Karl Rove zu unterschätzen. So tief sitzt der fast an Furcht grenzende Respekt, dass im Wahlkampf mitunter die Grenzen verflossen, wer der eigentliche Gegner von John Kerry sei: George Bush oder sein Berater Rove.
Denn Rove ist der Mann, der Bush erfunden hat. Ohne Rove gäbe es keinen Präsidenten George W. Bush, und wenn er wiedergewählt wird, dann wird er diesen Erfolg keinem anderen verdanken als seinem getreuen Adlatus.
„Alleine hätte Bush weder eine Vision noch einen Plan noch eine Agenda“, erkennt der Politologie-Professor Bruce Buchanan von der Universität Texas, der das ungleiche Paar seit Jahren studiert hat.
„Die mächtigste nicht gewählte Person Amerikas“, hat man Rove genannt, das „Nervenzentrum der Bush-Administration“ oder schlicht „den Grand Central-Bahnhof, in dem alle Gleise zusammenlaufen“.
Aber all diese Bezeichnungen tragen seinem wahren Einfluss nicht genügend Rechnung. Denn wenn der unscheinbare Mittfünfziger auch lediglich den Titel eines Beraters des Präsidenten trägt, so ist er doch in der allgegenwärtigen Zunft der Political Consultants und Strategists in den USA der mit Abstand Einflussreichste.
Vielen gilt er als die eigentliche Macht hinter dem hochlehnigen Ledersessel, von dem aus der Präsident im Oval Office des Weißen Hauses die USA regiert: Rove ist ein Ko-Präsident, der die Richtlinien der Politik mitbestimmt.
„Bushs Brain“ (Bushs Gehirn) wird er denn von Freund und Feind mit einer Mischung aus Hochachtung und Hohn meist genannt, und „Bushs Brain“ heißt auch eine Dokumentar-DVD über Rove, die jetzt in die Läden kommt.
Sie erzählt die fast schon filmreife Geschichte, wie ein Außenseiter aus einer zerrütteten Mittelstandsfamilie und der älteste Sohn einer Millionärsdynastie zu einem unschlagbaren Politgespann zusammenfanden.
„Polit-Junkies wie ich warten ein Lebtag lang darauf, mit einem Typen wie ihm zusammenzuarbeiten“, hatte Rove zu seinem Verhältnis zu Bush gesagt.
In der Tat ergänzen sich beide Männer vortrefflich: Wo Bush Charme versprüht, bringt Rove Intellekt, politische Erfahrung und manische Detailversessenheit in die Partnerschaft ein. „Schiere Hirnkraft“ erkannte denn auch Bush-Berater Mark McKinnon in dem berühmteren Kollegen: „Der Knabe muss ein Extra-Chromosom haben; ich glaube, dass die wenigsten Sterblichen auch nur ein Zehntel von dem zuwege brächten, was er tut.“
Prägnanter formulierten es die beiden Biografen des Polit-Genies, James Moore und Wayne Slater: „Rove denkt es und Bush tut es.“
Bush weiß denn auch genau, was er an seinem Berater hat. Dass er in den Umfragen vorne liegt, ist ihm geschuldet. Denn auch der jetzige Wahlkampf trägt die Handschrift des „Boy Genius“, wie Bush ihn in Anlehnung an eine glubschäugige Cartoon-Figur namens Jimmy Neutron nennt.
Es war Rove, der schon im Januar 2002 erkannt hatte, dass die nationale Sicherheit das Thema der Präsidentschaftswahlen sein müsste. Derweil sich die Demokraten mühselig zwischen allen möglichen Themen und Kandidaten zerrieben – Howard Dean und der Krieg? John Edwards und die Wirtschaft? John Kerry und ein wenig von allem? –, war für die Republikaner die
Marschroute stets klar.
Rove ist freilich nicht nur für die große Linie zuständig. Seine Spezialität ist vielmehr die teuflische Detailarbeit. Anders ausgedrückt: Er ist ein Meister der Schlammschlacht und der schmutzigen Tricks.
Gelernt hat er sie von seinem geistigen Ziehvater Lee Atwater, der Bushs Vater als Berater zur Seite stand und der bei den Wahlen von 1986 den demokratischen Herausforderer Michael Dukakis in einem Shredder aus Verleumdungen, Verunglimpfungen und Verdrehungen zu einer Art politischer Hamsterstreu zerhäckselte.
Seinem berüchtigten Mentor steht Rove in nichts nach, auch wenn er selbst lieber verharmlosend von „Streichen“ spricht, die er dem politischen Gegner spielt.
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