Petitionen, Demonstrationen und eine Autobiographie: Wie es 1807 in London zur spektakulären Entscheidung kam.
Im britischen Unterhaus wird es mitunter schon mal spät. Aussprachen beginnen selten vor dem späten Nachmittag, und wenn der Speaker endlich zur Abstimmung auffordert, ist es oft Mitternacht. Aber die Vorlage, die am 23.Februar 1807 von dem hohen Haus am Themse-Ufer in Westminster debattiert wurde, zog sich auch für britische Verhältnisse sehr in die Länge: Zehn Stunden lang diskutierten die Honourable Members, und als schließlich das Abstimmungsergebnis vorlag, da waren selbst die Befürworter des Gesetzes überrascht: Mit spektakulären 283 zu lediglich 16 Stimmen hatte das Unterhaus soeben den Handel mit Sklaven unter Strafe gestellt.
Seitdem sind 200 Jahre vergangen, und heutige Kritiker haben gerügt, dass der Beschluss konkret zunächst keine Folgen gehabt habe: König Georg III. setzte erst einen Monat später, am 25. März, seine Unterschrift unter das Gesetz, das selbst erst ein Jahr später rechtskräftig wurde. Und auch dann sollten noch Jahrzehnte vergehen, bevor Sklaven in der westlichen Welt ihre Freiheit erlangten. Das Verbot des Handels mit menschlicher Ware änderte schließlich nichts an den Besitzständen: Wer Sklaven besaß, der durfte sie weiter behalten, ausbeuten oder misshandeln.
Doch die heutigen Kritiker übersehen, welch gewaltige Leistung den Männern und Frauen gelang, die nach einer nur knapp 25 Jahren währenden Kampagne eine Einrichtung ins Wanken brachten, die nicht nur als geradezu gottgegeben angesehen worden war, sondern die ein tragender Pfeiler der britischen Volkswirtschaft war. Es wäre, was den ökonomischen Nutzen des Sklavenhandels betraf, so, als ob eine Bürgerbewegung in der Bundesrepublik die Einstellung der Automobilindustrie verlangen würde. Doch am Ende siegte die Moral über die Realpolitik.
Das Dutzend Männer, das sich 1783 mit dem noblen Ziel zusammenfand, die Sklaverei vom Angesicht der Erde zu tilgen, wurde denn anfangs auch als eine Gruppe weltfremder Spinner angesehen. Doch trotz aller Widerstände verwandelten sie ihr Anliegen in die erste bürgerliche Massenbewegung der Geschichte.
Gleichsam nebenbei erschufen sie Einrichtungen, die wir heute als Selbstverständlichkeiten genießen: Unterschriftenlisten und Petitionen, Demonstrationen, Lobby-Arbeit und politische Bestseller. Sogar den ersten erfolgreichen Verbraucherboykott der Geschichte brachten die sogenannten Abolitionisten zuwege, als Hunderttausende keinen Zucker mehr kauften, der von Sklaven in der Karibik gepflanzt und geerntet worden war.
Initiiert wurde die Bewegung von der Religionsgemeinschaft der Quäker. Da ihnen politische Betätigung nicht gestattet war, suchten sie Mitstreiter im öffentlichen Leben. Drei Männer waren es, die die Sache der Abschaffung der Sklaverei maßgeblich vorantrieben: William Wilberforce, Thomas Clarkson und Olaudah Equiano.
Wilberforce könnte man in gewisser Weise als frühe Verkörperung von George W. Bush sehen: Der Sohn eines wohlhabenden Geschäftsmanns schlitterte eher aus Langeweile denn aus Interesse in die Politik und kaufte sich - was damals üblich war - einen Unterhaussitz. Nach einem religiösen Erweckungserlebnis wurde er, wie man es heute nennen würde, zu einem wiedergeborenen Christen und verschrieb sein Leben guten Werken.
Bis zur Abstimmung 1807 war Wilberforce die mächtige Stimme der Abolitionisten im Unterhaus. Clarkson wiederum war ihr Chef-Propagandist. Minutiös sammelte er Augenzeugenberichte über die Gräuel der Sklaverei. Er hielt Vorträge im ganzen Land, führte Debatten, schrieb Artikel und verteilte Pamphlete. In sieben Jahren legte er 35 000 Kilometer zurück - zu einer Zeit, in der die Fahrt von London nach Edinburgh mit der Postkutsche drei Tage dauerte.
Den für die Meinungsbildung wohl wichtigsten Beitrag lieferte der freigelassene Sklave Olaudah Equiano mit seiner Autobiographie, die gleichsam über Nacht zum Bestseller wurde. Niemand, der die grauenerregenden Schilderungen der Behandlung der Schwarzen gelesen hatte, konnte Sklaverei noch billigen.
Viel wurde spekuliert, warum ausgerechnet die britische Gesellschaft diese Vorreiterrolle übernahm, und nicht beispielsweise die französische, die mit der Revolution von 1789 die Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit an ihre Fahnen heftete. Einige der Gründe mögen banal wirken: Englands Straßennetz war besser ausgebaut, sodass Menschen, Ideen und Nachrichten schneller als auf dem Kontinent reisen konnten. Dazu kam, dass deutlich mehr Menschen in Großbritannien lesen und schreiben konnten und die Berichte über Sklavenmisshandlungen in den zahlreichen Zeitungen verfolgten.
Der dritte Grund ist weniger lapidar: Briten betrachteten sich als freier denn andere Europäer. Immerhin hatten sie bereits seit 1689 mit der Bill of Rights einen verbindlichen Katalog von Bürgerrechten, derweil jenseits des Kanals Monarchen von Gottes Gnaden absolutistisch herrschten. Es war ein kleiner Schritt, diese Freiheit auf andere auszudehnen.

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