Noch ein schlechtes Zeugnis

    OECD-Studie

    15.05.2006, 11:25

    Von Tanjev Schultz

    Die neue Erhebung zu den Bildungschancen von Migranten fällt für Deutschland ungünstig aus.

     
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    Die Diskussion über Bildung und Integration wird durch immer neue Ereignisse und Expertisen angefeuert. Erst reiste der UN-Gesandte Vernor Munoz durch Deutschland und bemängelte die geringen Bildungschancen der Einwandererkinder, wenig später kam der Hilferuf der Lehrer aus der Berliner Rütli-Schule.

    Und an diesem Montag wird die OECD eine Sonderauswertung zur aktuellen Pisa-Studie vorstellen, die speziell die Bildungssituation von Migranten in 17 Staaten in den Blick nimmt. Da viele der verwendeten Daten, die aus dem Jahr 2003 stammen, bereits bekannt sind, ist sicher: Für Deutschland wird die Präsentation wieder einmal wenig schmeichelhaft sein. Hierzulande sind die Leistungsrückstände von Einwandererkindern besonders groß.

    Gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) wird sich - als Vertreter der Bundesländer - Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) anhören müssen, dass hohe Ausländeranteile nicht automatisch mit einem starken Leistungsgefälle verbunden sind. Staaten wie Kanada und Australien gelingt es, die Kinder von Migranten zu genauso guten Leistungen wie die einheimischen Jugendlichen zu bringen. Das soziale Profil der Migranten (die Bildung und der Status der Eltern) ist in diesen klassischen Einwanderungsländern allerdings weit günstiger als hierzulande.

    Erschreckende Werte

    Doch auch im Vergleich zu Österreich oder der Schweiz, wo ebenfalls eine hohe Zahl türkischer Familien aus unteren sozialen Schichten lebt, sieht das deutsche Bildungssystem nicht gut aus. Kinder, deren Eltern aus der Türkei stammen, erreichen in den Alpenländern bessere Ergebnisse als in Deutschland; die Unterschiede entsprechen dem Lernfortschritt von mindestens einem halben Schuljahr.

    Außer in Belgien gibt es in keinem anderen untersuchten Staat einen so großen Abstand in den mathematischen Fähigkeiten zwischen Migrantenkindern und Einheimischen wie in Deutschland. Besonders "erschreckend" findet der Pisa-Koordinator der OECD, Andreas Schleicher, das im internationalen Vergleich auffallend schlechte Abschneiden der bereits in Deutschland geborenen Einwandererkinder.

    Leider sei das deutsche Schulsystem so aufgebaut, dass sich soziale Probleme und besonders förderungsbedürftige Jugendliche an einigen Schulen konzentrierten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nimmt die neue Studie bereits zum Anlass, ihre Forderung nach einer längeren gemeinsamen Schulzeit für alle Kinder und dem Verzicht auf eine frühe Aufteilung zu wiederholen.

    Es ist allerdings nicht zu erwarten, dass die beiden Autorinnen der Pisa-Auswertung, die Amerikanerin Gayle Christensen und die deutsche Erziehungswissenschaftlerin Petra Stanat von der Universität Erlangen-Nürnberg, direkt zur heftig umkämpften Frage der Schulstruktur Stellung nehmen werden. Von ihren Analysen versprechen sich Experten vor allem neue Erkenntnisse über die Bildungsmotivation von Einwandererkindern und einen internationalen Vergleich von Sprachförderprogrammen.

    (SZ vom 15. Mai 2006)

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