Das letzte Aufgebot

    US-Soldaten im Irak

    23.08.2006, 16:14

    Von Reymer Klüver

    US-Präsident George W. Bush muss Irak-Veteranen für einen zweiten Einsatz reaktivieren.

    Blutiger Soldaten-Alltag im Irak. (Foto: dpa)

    In aller Stille hat Präsident George W. Bush die Anordnung getroffen. Bereits Ende Juli war das. Doch erst jetzt ließ er sie im Pentagon, dem amerikanischen Verteidigungsministerium, öffentlich verbreiten:

    2500 ehemalige Marines, Irak-Veteranen, die aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und ins zivile Leben zurückgekehrt waren, müssen noch einmal ran und erneut für ein oder gar anderthalb Jahre in den Krieg ziehen.

    Ohne die Zwangs-Reaktivierung bekämen auch die Marines, die sich gern die härtesten Jungs im US-Militär nennen, nicht mehr genug Leute zusammen für den Einsatz am Golf.

    61 Prozent der Amerikaner gegen den Krieg

    Das Zögern bei der Bekanntgabe der Einberufung der Reserve ist begreiflich. So etwas hängt man nicht an die große Glocke, erst recht nicht, wenn es sich um die Marines handelt, Amerikas Elitetruppe, die immer an vorderster Front kämpfen muss und die auch die Invasion im Irak im März 2003 anführte.

     
    mehr zum Thema

    US-Soldat im Irak
    "Als ob du eine Ameise zerquetschst"weiter
     
    Irak
    Mehr als 40 Tote bei Anschlag in Nadschafweiter
     
    Völkermord an Kurden
    Zweite Anklage gegen Saddamweiter
     

     

    Die Mobilisierung wird den ohnehin unpopulären Krieg im amerikanischen Volk noch ein Stück unpopulärer machen. Inzwischen sind 61 Prozent aller Amerikaner gegen das Irak-Engagement, so viele waren es noch nie.

    Von einer Reduzierung der Truppen, wie noch vor zwei Monaten, ist inzwischen keine Rede mehr. Damals waren zeitweise nurmehr 127..000 US-Soldaten im Irak, ein weiterer, deutlicher Abbau zum Jahresende schien nicht ganz ausgeschlossen zu sein.

    Inzwischen stehen wieder 138.000 Amerikaner im Irak. Zudem straft die Einberufung alle Versicherungen der Mächtigen im Pentagon Lügen, dass Amerikas Militär den langwierigen Krieg locker wegstecke und von einer Überstrapazierung der Streitkräfte keine Rede sein könne. Ohne die Teilmobilmachung der Reserven geht es nicht mehr.

    Mehr als 2600 Gefallene

    Die Army hat das bereits des öfteren gemacht und bisher 10.000 Reservisten für den Irak-Einsatz reaktiviert. Es ist allerdings das erste Mal seit der Invasion des Irak, dass der Marine Corps Reservisten einberuft. Dem Corps gehören 180.000 Soldaten an.

    Dazu kommen 59.000 Soldaten der so genannten Inividual Ready Reserve. Das sind Soldaten, die bereits vier Jahre aktiven Dienst hinter sich haben, sich aber verpflichten mussten, vier weitere Jahre bereitzustehen, wenn der Corps wieder ruft.

    Bisher hatten sich aus der Reserve immer genug Freiwillige gemeldet, um Engpässe zu vermeiden. Doch das hat sich nach fast dreieinhalb Kriegsjahren und mehr als 2600 Gefallenen gründlich geändert. Im nächsten Jahr fehlen den Marines im Irak 1200 Leute: Ingenieure und einfache Infanteristen, Verhörspezialisten und Militärpolizisten, Flugzeugmechaniker und selbst Lastwagenfahrer.

    Deshalb werden jetzt 2500 Reservisten, gut die doppelte Zahl der im Irak benötigten Kräfte, ihren zweiten Einberufungsbefehl bekommen. Die Opposition warnt, nicht ganz unerwartet, vor den "Langzeitfolgen" der Mobilisierungsaktion beim Militär und im Volk.

    "Die Belastung unserer Soldaten, ihrer Familien und des Materials durch die Operationen im Irak und in Afghanistan muss endlich bedacht werden", sagt Senator Jack Reed, ein Militärexperte der Demokraten. Ob er damit bei der Regierung auf offene Ohren stößt, dürfte eher zweifelhaft sein: Bushs Anordnung gilt, ganz offiziell, für die Dauer des Kriegs gegen den Terror. Und für den ist bekanntlich ein Ende nicht in Sicht.

    (SZ 24.8.2006)

    ANZEIGE

    mehr ...


    Themen

    Weitere Artikel in Politik

    Leserkommentare (0)



    Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser "Freeze" gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.


    "Ich kann nur kurze Sätze": Franz Müntefering verlässt die Politik - zum Abschied haben wir seine besten Sprüche gesammelt.
    Das Magazin "Forbes" hat die mächtigsten Personen der Welt aufgelistet. Gut platziert: Ein Drogenboss und ein Terrorist.
    Was der Präsident sagt, ist mir egal - in Silvio Berlusconis Vita mangelt es nicht an Entgleisungen wie dieser. Ein Worst-of in Bildern.
    George W. Bush massiert Angela Merkel, Paul Wolfowitz trägt löchrige Socken und Sarah Palin weiß wenig von der Welt: Ein Vote in Bildern.

    ANZEIGE

    Anzeige: Die Seite 3 - Reportagen aus fünf Jahrzehnten
    Bilder aus der Politik
    Kritikern nannten ihn einen linken Scharfmacher, doch Oskar Lafontaine hatte noch viel vor. Nun bremst ihn ein Krebsleiden.
    Der US-Präsident auf Asien-Reise: Wie Obama um die Gunst der Chinesen wirbt.
    Van Rompuy und Ashton treffen auf breite Zustimmung. Das neue Führungsduo der EU geht mit vielen Vorschusslorbeeren an die Arbeit.
    Nach der dramatischen Wahlniederlage stellt sich die SPD neu auf: Wer neben dem Parteichef Sigmar Gabriel künftig das Sagen hat.
    Süddeutsche Zeitung Photo
    Armutsflüchtlinge aus Afrika
    Die EU erlebt seit Jahren an ihren südlichen Grenzen einen gewaltigen Ansturm von Flüchtlingen aus Afrika. Zu tausenden und unter Einsatz ihres Lebens stürmen sie die Wohlstandsgrenze, getrieben von der vagen Hoffnung auf ein besseres Auskommen. Viele sterben auf dieser Reise und wer ans Ziel kommt, ist dort nicht willkommen. mehr...
    Politik transparent gemacht
    Über abgeordnetenwatch.de können Sie Ihre Bundestags-Abgeordneten vor Ort online befragen. Einfach Ihre Postleitzahl eingeben und los geht's! Suchen Sie nach bestimmten Themen oder Abstimmungen? Dann geben Sie einfach ein Schlagwort ein.

    Postleitzahl oder Schlagwort:

    Link auf abgeordnetenwatch.de