Das Mandat des Himmels

    Erdbeben in China

    13.05.2008, 18:23

    Von Stefan Kornelius

    Chinas Führung und ein abergläubisches Volk kämpfen gegen eine ganze Reihe von Katastrophen - und stoßen dabei an ihre Grenzen.

    Chinas Premierminister Wen Jiabao; Reuters

    In eigener Sache: Chinas Premier Wen Jiabao zeigt sich nahe des Epizentrums in der Stadt Dujiangyan. Er weiß, welche Bilder die Chinesen und der Rest der Welt jetzt von ihm erwarten. (Foto: Reuters)

    Wen Jiabao hat seine Geschichtslektionen gelernt. Chinas Premierminister war noch am Tag des großen Bebens von Peking aus in Richtung Epizentrum aufgebrochen. In der Kleinstadt Dujiangyan stand er am Dienstag vor den Trümmern einer zusammengestürzten Schule, packte mit an, gab Kommandos, spendete Trost und Mut und ließ sich in der Rettungszentrale filmen.

    Das politische China ist alarmiert, das Codewort heißt Tangshan. Tangshan steht für die bisher größte Erdbebenkatastrophe der Neuzeit in China, einem Beben der Stärke 7,8 nordwestlich von Peking. In seinem Epizentrum, der Stadt Tangshan, stand kein Haus mehr. Nach offiziellen Angaben ließen 242.000 Menschen in der Katastrophe ihr Leben, andere Berichte nennen mehr als 500.000 Opfer.

    Tangshan steht allerdings auch für das Ende einer politischen Ära, den Abschluss der Kulturrevolution, den größten Bruch mit der Macht in der Neuzeit. Premier Tschou En-lai war im Januar 1976 gestorben, später wurde der Tod von Zhu De beklagt, dem General und Gründer der Volksarmee. Die Viererbande schien im Kampf um die Macht nicht aufzuhalten zu sein, da bebte am 28. Juli die Erde.

    Keine Hilfe von außen

    Die politische Führung verbat sich jede Hilfe von außen, allein Hua Guofeng zeigte Mitleid mit den Opfern und besuchte das Katastrophengebiet. Als sechs Wochen später auch noch Mao Zedong 83-jährig starb, erreichte das chinesische Chaosjahr seinen Höhepunkt. Hua Guofeng aber hatte sich die Sympathien der Öffentlichkeit gesichert, ließ die Viererbande verhaften und ergriff die Staats- und Parteiführung.

    Für die Menschen war mit dem Erdbeben das "Mandat des Himmels" erteilt. Eine überirdischer Fingerzeig, üblicherweise eine Naturkatastrophe, die schon in der Kaiserzeit einen Machtwechsel ankündigte oder den nahenden Verlust eines Mandats prophezeite. Dabei verhalten sich die Dinge meist profaner - was die politische Führung des Jahres 2008 offensichtlich erkannt hat. Wer sich jetzt verkriecht, der kommt in der Katastrophe mit um.

    Chinas Führung hat im Schlüsseljahr 2008 wahrlich genug Krisen zu bewältigen. Eberhard Sandschneider, Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und China-Experte, sieht düstere Zeichen. "Üblicherweise geht die Führung mit einer Krise gut um", sagt Sandschneider, der die Ausläufer des Bebens während einer Tagung in der Großen Halle des Volkes in Peking spürte. "Für geschichtsbewusste Chinesen ist jetzt aber das Mandat des Himmels in Frage gestellt, also die Legitimation für die Mächtigen."

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    Mindestens vier Krisen sind es, die China derzeit politisch überfordern: der Aufstand in Tibet und die daraus erwachsenen internationalen Spannungen, die galoppierende Inflation mit den steigenden Nahrungsmittel- und vor allem Schweinepreisen, die Erinnerung an die Hilflosigkeit während der Schneekatastrophe vom Januar - und schließlich jetzt das Erdbeben.

    Dazu kommt Chinas Verweigerungshaltung in der birmanischen Naturkatastrophe. Das Regime in Birma kann nur deshalb dem internationalen Druck widerstehen und keine Helfer ins Land lassen, weil es sich der Deckung aus Peking vor allem im UN-Sicherheitsrat sicher sein konnte. Diese Gleichung hat sich mit dem Beben in der Provinz Sichuan verändert. Tangshan hält eine Mahnung parat: Wer die Menschen ignoriert und internationale Hilfe verweigert, der wird den Volkszorn spüren.

    Die Regierung in Peking scheint sich des Ernstes der Lage bewusst zu sein. Allein der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier telefonierte eine Stunde lang mit seinem Kollegen Yang Jiechi und bot ihm Hilfe an. Mit Sicherheit werden die Politiker auch die Blockade bei der Birma-Hilfe und den Besuch des Dalai Lama in Deutschland angesprochen haben. Hilfsangebote trafen unterdessen aus der ganzen Welt ein. Auch der Dalai Lama wollte die Opfer in seine Gebete einschließen, hieß es aus seiner Umgebung. Die Provinz Sichuan schließt an Tibet an und wird, gerade im Erdbebengebiet, von vielen Tibetern besiedelt.

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    Premierminister Wen übernahm nun wieder öffentlich die Rolle des Krisenmanagers. Allerdings hatte er im Januar bei der Schneekatastrophe in Südchina wenig Erfolg, als er mit Hilfe eines kleinen Megaphons Tausenden gestrandeten Reisenden in einem Bahnhof Trost zusprach. Das Chaos war damals stärker.

    Diesmal scheint die offizielle Reaktion beherzter zu sein. Chinesische Ministerien gaben sich westlichen Journalisten gegenüber auskunftsbereit, das Staatsfernsehen berichtete ausführlich, möglicherweise weil die Metropole Peking selbst von dem Beben erschüttert wurde und die Anteilnahme und das Interesse der Menschen dadurch stieg. Ausdrücklich wurden die Hilfsangebote aus dem Ausland begrüßt, die Führung scheint zu wissen, dass eine Verweigerung ihrerseits mit offener Feindschaft beantwortet würde.

    Präsident Hu Jintao hat sich indes noch nicht exponiert, auch wenn die Staatsmedien verkündeten, dass er an der Spitze des Ständigen Ausschusses des Politbüros die Kontrolle über die Rettungsarbeiten übernommen habe. In einer Verlautbarung des Politbüros hieß es: "Zeit ist Leben". Reagiert haben die Organisatoren des Fackellaufs mit der olympischen Flamme. Der Lauf werde fortgesetzt, hieß es, auch in der Unglücksprovinz. An jeder Station werde aber der Opfer gedacht und Geld gesammelt.

    (SZ vom 14.05.2008/cag)

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    Leserkommentare (11)



    14.05.2008 11:04:18

    charmzou: Gestern abend

    bei einem Bericht über einen Rollstuhlfahrer auf Reisen durch China, wurde mehrmals betont, dass er die Reise nicht hätte machen, wenn sein chinesischer Freund nicht dabei wäre. Deutlich war zusehen, dass in den Städten manche Englisch beherrschen, der große Teil der Bevölkerung nicht.

    Deswegen hat die chinesische Regierung eine große Bildungsoffensive gestartet zum Erlernen von Englisch, wie mir aus Peking von ausländischen EnglischLehrern berichtet wurde. Diese Maßnahme betrifft aber nicht die Land- sowie die ärmeren Bevölkerungsschichten.


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