In der Falle

    Der Terror und die Freiheit

    08.07.2005, 17:37

    Die mutmaßlichen Täter von London sind keine Barbaren im ursprünglichen Sinn - sie gehen mit einer instrumentellen Rationalität vor, die zu den Errungenschaften des Westens zählt. Der wiederum hat dem Terror nur die ganz und gar irdische Würde des maßvollen Rechts entgegenzusetzen. Kommentar von Andreas Zielcke.

    Zwei Polizisten bewachen eine Londoner U-Bahn-Station. (Foto: Reuters)

    Man muss die Briten bewundern, die auf die Anschläge in London so gefasst reagiert haben.

    Niemand käme auf die Idee, dies einer stoischen Unempfindlichkeit zuzuschreiben, viel eher einer historisch gefestigten Selbstgewissheit, deren Kraft auch das tief getroffene Gemüt zu beherrschen vermag.

    Die Anschläge sind in ihrer Unmenschlichkeit von Tony Blair zu Recht als „barbarisch“ gebrandmarkt worden. Dennoch, barbarisch im ursprünglichen Sinn sind diese Terrorakte nicht, das ist es ja, was ihr wahres Unheil ausmacht: Sie wurden nicht von Wilden verübt, die aus unzivilisierten Fernen mit roher Gewalt in unsere Gesellschaften einbrechen.

    Nein, die mutmaßlichen Täter entstammen einer hochzivilisierten Kultur, sind, wenn es denn stimmt, von Motiven geleitet, die sich auf eine der großen Religionen dieser Erde berufen, und gehen mit einer instrumentellen Rationalität vor, die zu den Errungenschaften des Westens zählt. Kurz, ihre Ziele und Methoden sind uns längst viel vertrauter, als es uns lieb sein kann.

    Der Schrecken, den sie verbreiten, rührt von der grimmigen Entschlossenheit, mit der ihr Gewissen, das absolut mit sich im Reinen ist, auf den maximalen Blutzoll ihrer Opfer aus ist.

     
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    Die Geschichte des Morgen- und des Abendlandes kennt seit den Kreuzzügen diesen Extremismus des reinen Gewissens, später als finsteres Ideal kultiviert im „terreur“ der französischen Revolution. Die Tyrannei der Tugend, die sich eins weiß mit den höchsten Werten, Christus oder Allah oder der volonté générale, bauscht sich auf zu einem hysterischen Kult, einer suggestiven Mystifizierung der höheren Gewalt, die zu jeder Grausamkeit gegen Andersgläubige fähig ist, weil sie kein Maß hat außer sich selbst.

    Dass darin, neben der Unmenschlichkeit, eine ungeheuerliche Blasphemie steckt, weil die Täter sich als oberste Richter über „Ungläubige“ an die Stelle des Gottes setzen, dem sie angeblich so ergeben dienen, gehört zu den Perversionen des absoluten Gewissens. In London hat es sich jetzt wie vorher in Madrid oder New York einmal mehr seine bösartig-gutgläubige Genugtuung verschafft.

    Ungleicher Kampf

    Der Westen hat diesem Pathos der spirituellen Selbstübersteigerung bei aller ebenso grimmigen Entschlossenheit, mit der er den Abwehrkampf gegen den Terror aufnimmt, nur die ganz und gar irdische Würde des maßvollen Rechts entgegenzusetzen, über das sich die Attentäter mit so großer, blutiger Geste erheben.

    Analog zu Kants Diktum aber, dass selbst mit einem „Volk von Teufeln“ ein rechtliches und friedliches Zusammenleben möglich sein muss, „wenn sie nur Verstand haben“, kann und muss der Westen genau auf dieses „Teufel komm raus“ darauf setzen, mit dem islamistischen Terror fertig zu werden, ohne seine konstituierenden ethischen Maximen zu verraten.

    Dass diese Maximen, bindend wie sie sind, ein gewaltiges strategisches Handikap gegenüber den von allen Hemmungen befreiten Terroristen darstellen, macht das ganze Dilemma des ungleichen Kampfes aus.

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