Von Bernd Dörries

Eine Veranstaltung der SPD in Stuttgart legt die Orientierungslosigkeit der Sozialdemokraten offen.

Eppler, Nahles und die Sehnsucht nach früher; dpaGrossbild

Nervt und wird bei den Genossen doch verehrt: Erhard Eppler. (Foto: dpa)

Schlaff hängen die roten Fahnen der SPD vor dem Waldheim in Stuttgart, einem Ort mit großer sozialdemokratischer Tradition. Vor hundert Jahren wurde das Waldheim als Erholungsort für Proletarier und ihre Kinder gegründet. Mittlerweile ist es verpachtet, ein normales Ausflugslokal mit einer langen Maultaschenkarte. Vor dreißig Jahren diskutierte hier Willy Brandt mit tausenden Stuttgartern im Biergarten. Am Mittwochabend sitzen Andrea Nahles und Erhard Eppler in einem engen Raum und sprechen über die Zukunft der SPD.

Überall im Land kamen in dieser Woche Gremien der SPD zusammen und diskutierten darüber, was da passiert ist am Wochenende, über das Desaster der Partei bei den Europa- und Kommunalwahlen. Ins Waldheim haben sie Nahles eingeladen und Erhard Eppler, damit die beiden Auskunft geben sollten über Zustand und Zukunft der Partei.

Eine Art Guru

Eppler ist mittlerweile 82 Jahre alt, er war einmal Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und ist früher mit seiner moralischen Art vielen auf den Geist gegangen in der Partei. Doch für die SPD in Baden-Württemberg ist er mittlerweile eine Art Guru, der aus der guten alten Zeit erzählt. Wenn Eppler angekündigt hätte, er würde für den Bundestag kandidieren, die Leute wären ausgeflippt vor Freude.

Eppler hält einen klaren Vortrag über die Lage und das Gebrechen der SPD; er erzählt von dem unguten Gefühl, dass sich die Partei nicht klar mit dem politischen Gegner auseinandersetze, weil sie immer denke, den brauche man vielleicht noch als Koalitionspartner. Er gibt den Leuten ein Gefühl zurück, das der Partei abhanden gekommen ist, weil es als Klassenkampf diskreditiert und in die Abstellkammer geworfen wurde.

"Ich habe das Ende des Marktradikalismus vorausgesehen", sagt Eppler. Aber er habe nicht gedacht, dass es so schnell komme. Sein Vortrag ist letztlich ein Plädoyer gegen die Epoche des Ich und für ein neues Zeitalter des Wir. Er hat ein Bild aus der Bibel dafür parat: "Paulus hat gesagt: Einer trägt des anderen Last. Marktliberal gesehen ist das völliger Unsinn. Aber wir sollten wieder daran appellieren."

Eppler macht Hoffnung

Die Leute klatschen. Weil Eppler ihnen Hoffnung gemacht hat, aber auch deshalb, weil er nach der stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Andrea Nahles gesprochen hat. Eppler und Nahles, das ist auch die Geschichte des Niedergangs einer Partei. "Jeder hat seine eigene Sprache", sagt Eppler über den Vortrag von Nahles, es ist vielleicht nicht einmal böse gemeint.

Auch Nahles ist vielen in der Partei mit ihrem linken und moralischen Gerede auf die Nerven gegangen. Mit der Wirtschaftskrise wirkte es so, als bekäme sie recht. Jetzt steht sie im Waldheim und reiht viele Kurznachrichten aneinander. Es ist ein wirrer Vortrag, der sich um alles dreht, um die Weltbank, Erbschaftsteuer, Schweiz und Steinbrück. Jeder Satz könnte eigentlich mit "Ich sach mal" beginnen. Die Leute werden unruhig und sauer. Sie solle aufhören, "den ganzen Bauchladen an guten Ideen herumzutragen" und klare Positionen ergreifen, sagt einer aus dem Publikum. Das habe ich alles schon hundert Mal gehört, sagen andere.

Nahles und Eppler, das Waldheim früher und heute - das ist die Geschichte über Aufstieg und Fall einer Partei.

(SZ vom 12.6.2009/vw)

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