Vorhang auf für Cardinale No

    Joseph Kardinal Ratzinger

    04.04.2005, 17:19

    Von Christiane Kohl

    "Er ist der Mann der Stunde": Papstmacher und Papstanwärter – wohl kaum ein anderer Kirchenfürst hat in Rom derzeit mehr Einfluss als der unnachgiebige deutsche Theologe.

     
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    Das Amtszimmer, in dem Joseph Kardinal Ratzinger jetzt residiert, wirkt nicht gerade standesgemäß: Schlicht möbliert und schlecht beleuchtet liegt es in einem etwas versteckten Winkel des Apostolischen Palastes. Gemessen an Ratzingers angestammtem Büro im prachtvollen Palast des Heiligen Uffiziums gleich neben dem Petersplatz ist der Raum nachgerade winzig – „man kann sich wirklich nicht darin verirren“, sagt einer der Mitarbeiter des Kardinals.

    Die Rolle, die Ratzinger in diesen Tagen spielt, ist umso bedeutender: Als Dekan des Kardinalskollegiums leitet der Gottesmann die Generalkongregation der Kirchenfürsten, jene Versammlung, die bis zur Wahl eines neuen Papstes täglich als eine Art Übergangsregierung im Vatikan zusammentreten wird.

    Ratzinger als Hausherr

    Kardinal Ratzinger obliegt es, alle Sitzungen zu führen, und er wird bei der Beerdigung des Papstes am kommenden Freitag auch das Requiem halten –selten war ein Deutscher so mächtig in der 2000 Jahre alten Geschichte der Heiligen Römischen Kirche.

    Kardinal Ratzinger schwenkt einen Weihrauchkessel

    Unnachgiebiger "Cardinale No": Joseph Ratzinger. (Foto: dpa)

    Der Kardinal lässt sich die neue Machtfülle nicht anmerken. Doch gänzlich unangenehm scheint ihm die Rolle offensichtlich nicht zu sein. Im schwarzen, filetierten Talar, mit roter Schärpe und dem farblich dazu passenden Käppi schritt der 78-Jährige am Montagmorgen zur Sala Bologna hinauf, dem Sitzungssaal der Kongregation.

    Er hielt sich leicht vornüber gebeugt, wie stets, indes setzte er seine Schritte auf dem polierten Schachbrettparkett aus schwarzem und weißem Marmor wohl doch ein wenig schwungvoller als sonst. Später sah die Szene fast wie bei einer weltlichen Kabinettssitzung aus – freilich in weit prachtvollerem Ambiente.

    Da standen die Herren Kardinäle vor den mit Fresken bemalten Wänden in kleinen Grüppchen zum Smalltalk zusammen, und Ratzinger wirkte ganz wie der Hausherr. Leger ging er von einem zum anderen, grüßte hier und plauderte dort, während sein goldener Kardinalsring blitzte.

    Mit sanftem Nachdruck

    Die täglichen Sitzungen bilden ein kleines Fenster der Demokratie, das sich im Moment der Vakanz des Apostolischen Stuhls geöffnet hat. Rein formell besteht in der Kurie zur Zeit ein Machtvakuum, denn nach dem Tod des Papstes mussten alle Präfekten und Präsidenten der einzelnen Dikasterien zurücktreten, auch der Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, der noch am Sonntag die Messe zelebrierte.

    Nur die so genannten „Substituten“, die für Inneres und Äußeres zuständigen Stellvertreter Sodanos, blieben im Amt, freilich fehlt ihnen die päpstliche Führung.

    Und so werden plötzlich Diskussionen geführt und Entscheidungen vom Kardinalskollegium getroffen, die der amtierende Pontifex in normalen Zeiten wie ein absolutistisch regierender Monarch exekutieren kann.

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