"Katastrophenhilfe als Werbemaßnahme"

    Peking und das große Beben

    13.05.2008, 15:32

    Interview: Marcel Burkhardt

    Aus der Not einen Nutzen ziehen: Asien-Experte Thomas Heberer erklärt, wie die chinesische Führung mit der Krisenbewältigung ihr angeknackstes Image aufpoliert.

    Der Duisburger China-Experte Thomas Heberer.

    Der Duisburger China-Experte Thomas Heberer. (Foto: oh)

    Thomas Heberer, 60, ist einer der wichtigsten deutschen China-Wissenschaftler. Er ist Professor für Politik Ostasiens an der Universität Duisburg-Essen und im Vorstand der Asienstiftung in Essen, die den Dialog mit asiatischen Zivilgesellschaften fördert.

    sueddeutsche.de: Nach dem Erdbeben in der Provinz Sichuan hat der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao im Staatsfernsehen gesagt: "Die Lage ist viel schlimmer als befürchtet. Es müssen Rettungsteams von außerhalb kommen." Warum dieser offene Hilferuf?

    Thomas Heberer: Anders als bei politischen Krisen wie in Tibet, bei denen der autoritäre chinesische rigide durchgreift, organisiert er im Falle von Naturkatastrophen effektiv und relativ offen Hilfe. Auch wenn ausländische Hilfe in Anspruch genommen wird, gewinnt die chinesische Staatsführung dadurch an Legitimität unter der Bevölkerung, weil dies zu einer Erhöhung der Effizienz beiträgt. Deshalb sind Helfer wie der deutsche Katastrophenschutz mit seinem Wissen und exzellenter Technik hoch willkommen. Dazu kommt, dass die chinesische Katastrophenhilfe technisch nicht gut ausgerüstet ist.

    sueddeutsche.de: Die Chinesen schicken doch Zehntausende Soldaten in die Katastrophen-Region.

    Heberer: Diese Helfermassen können Straßen freiräumen, Opfer aus den Trümmern bergen und die Betroffenen mit Medikamenten und Nahrungsmitteln versorgen. Aber moderne Geräte zur Befreiung von Verschütteten oder zur Behandlung von Schwerstverletzten stehen nicht immer zur Verfügung.

    Rahmen
    Die Zerstörung in Bildern Erdbebenkatastrophe in China Rahmen
    Erdbeben in China Erdbeben in China Erdbeben in China
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    sueddeutsche.de: In Birma verhinderte die Militär-Junta schnelle Katastrophenhilfe aus dem Ausland - aus Angst, Schwäche zu zeigen. Könnten die Hilferufe der chinesischen Regierung vom eigenen Volk nicht auch als Zeichen der Blöße interpretiert werden?

    Heberer: Nein. Die Militärdiktatur in Birma ist ein sehr fragiles System, die Mehrheit der Bevölkerung steht nicht hinter den Generälen. Dagegen ist das politische System Chinas stabil. Es besteht keine Gefahr einer politischen Destabilisierung durch den Einsatz ausländischer Helfer. Im Gegenteil: China sieht jetzt die Chance, sein Prestige international wieder nachhaltig aufzupolieren. Nach den Tibet-Unruhen kann Peking durch das Erdbeben von der unangenehmen Tibet-Frage ablenken. Vor den Olympischen Spielen kann sie die Katastrophenhilfe als Werbemaßnahme für sich nutzen. Dieses Beben und seine Folgen wird die Nachrichten der kommenden Wochen bestimmen.

    sueddeutsche.de: ...und die Probleme in Tibet vollends in den Schatten drängen?

    Heberer: Das Tibet-Thema ist de facto schon wieder in die zweite Reihe gerückt. Was ist mit den Menschen geschehen, die während der Unruhen in Tibet verhaftet wurden? Was mit den geräumten Klöstern? Was ist mit den protestierenden Mönchen passiert? Wir kennen die Antworten nicht - und es wird auch nicht weiter nachgefragt. Nach der Naturkatastrophe kann die chinesische Regierung jetzt beweisen, dass sie auch in einem abgelegenen, von vielen Tibetern bewohnten Gebiet schnell und effizient zu helfen vermag.

    sueddeutsche.de: Die kommunistische Partei, die China beherrscht, wird also besser denn je dastehen?

    Heberer: Der Parteiapparat ist über ganz China bestens vernetzt. Wenn Ministerpräsident Wen Jiabao in Peking das ganze Land zur Hilfe auffordert, dann hilft auch das ganze Land. Dazu ist der autoritäre Staat in der Lage. Jedem in der Partei ist klar: Wer nicht mit anpackt, ist weg vom Fenster.

    (sueddeutsche.de/jja/odg)

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    Leserkommentare (47)



    14.05.2008 15:47:19

    JaAber: @jedno

    Danke!

    "Sich als Richter aufführen" war übrigens nicht auf Sie, stratto oder kinikina gemünzt, sondern auf die Haltung, die ich hinter der Schlagzeile des SZ-Interviews sehe.


    1 Besucher hat diesen Kommentar bewertet




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