Ein Kommentar von Kurt Kister

Die USA befinden sich einer Krise – deshalb werden dem künftigen Präsidenten messianische Züge verliehen. Doch Barack Obama wird nicht so viel Wandel bringen wie erhofft.

Barack Obama, MTV Music Awards, ReutersBild vergrößern

Das Bild des gewählten US-Präsidenten Barack Obama begeistert das Publikum bei den MTV Europe Music Awards in Liverpool. Foto: Reuters

Die erste Aufregung hat sich gelegt, die reichlich vergossenen Tränen sind getrocknet - und doch bleibt die Wahl von Barack Obama eine Sensation. Das ist so, weil er Amerikas erster dunkelhäutiger Präsident sein wird. Das Symbol Obama, und da vor allem der Phänotyp, die äußere Erscheinung, steht für die Entwicklung eines Landes, in dem es noch vor wenigen Jahrzehnten den staatlich legitimierten Rassismus gab, die Segregation als US-Variante der Apartheid.

Gut 95 Prozent aller afro-amerikanischen Wähler haben für Obama gestimmt, was nicht etwa zeigt, dass diese Menschen alle dieselben politischen Ansichten haben, sondern dass ihnen Herkunft, Geschichte und Hautfarbe ihres Kandidaten wichtiger waren. Sie kannten, um Kaiser Wilhelm zu paraphrasieren, keine Parteien mehr, denn die ethnische Herkunft zählte mehr. Sie hat bei dieser Wahl sogar besonders gezählt, weil es vielen Amerikanern auch darum ging, diesmal wirklich sichtbar zu machen, wie der Wechsel aussieht. Die Zeit von Bruce Willis auf Pennsylvania Avenue ist abgelaufen, Will Smith zieht nun ein. Es war eben nicht egal, dass Obama schwarz ist - es war und es bleibt bedeutend.

Der neue Captain America

Blickt man nur auf die Zahlen, wird die Sensation nicht erkennbar. Obama errang keinen Erdrutsch-Sieg, denn mit 52 Prozent der abgegebenen Stimmen gegenüber McCains 46 Prozent liegt er im Durchschnitt der siegreichen US-Präsidenten. Bei den Wahlmännern (364 für Obama) steht er weitaus schlechter da als etwa der alte George Bush 1988 (426 Wahlmänner) oder gar Ronald Reagan 1984 (525 Wahlmänner). Wenn dieser Mann denn wirklich Mister Hope ist, der Herr Hoffnung, dann hat Amerika eher zögerlich für die Hoffnung gestimmt.

Kaum jemals hat der Rest der Welt so viel Anteil genommen an einer Präsidentenwahl in den USA, noch nie schlugen dem Gewinner einer solchen Wahl aus so unterschiedlichen Ländern und so unterschiedlichen Lagern so viel Sympathie und Hoffnung entgegen. Seinen Wählern zu Hause gilt Obama als der neue Captain America: Ein Wundermann, der eine Nation aufrichten soll, die sich in zwei scheinbar aussichtslose Kriege verstrickt hat und außerdem gerade eine, vielleicht die existentielle Krise ihres Lebensstils, jenes berühmten American way of life, durchmacht.

Züge eines Messias

Amerikas Innenleben ist bedroht von einer überbordenden Sicherheits-Gesetzgebung, gegen die manches, was Wolfgang Schäuble hierzulande vertritt, als nahezu harmlos erscheint. Die Freiheit ist in Gefahr - und außerdem auch noch die materielle Existenz vieler Amerikaner. Die Finanzkrise zerstört drüben Alterssicherung, Hausbesitz und Gesundheitsversorgung; die Überschuldung wegen der Kreditkarten treibt die Leute reihenweise in die Pleite. In einer solchen Lage kann ein Präsident, der nur als Politiker gilt, nicht genug helfen. Er muss messianische Züge haben - oder wenigstens den Eindruck erwecken, er sei überlebensgroß, larger than life. Auch wenn Obama das vielleicht nicht ist, man erwartet es von ihm.

Das gilt auch jenseits von Amerika. Von Caracas über Berlin bis nach Djakarta besteht der Konsens, dass George W. Bush so ziemlich der übelste US-Präsident war, den die Welt seit Menschengedenken erdulden musste. Vermutlich hätte außerhalb Amerikas sogar John McCain etwas Kredit eingeräumt bekommen, denn auch er wäre ja wenigstens nicht Bush gewesen. Obama aber, als Nicht-Weißer zur Mehrheit der Weltbevölkerung zählend, gilt auch rund um den Globus als Mister Hope.

So mancher Überschwang der Erwartung wird sich nach dem 20.Januar schnell erledigen. Obama wird kein anti-kapitalistischer Präsident werden, so viel Veränderung bedeutet er denn doch nicht. Und er wird Amerikas Rolle in der Welt auch nicht entscheidend in jene Richtung drehen, die sein Vorvorgänger Bill Clinton in seiner Baumwoll-Sprache einmal mit softer, gentler, more compassionate beschrieben hat - sanfter, freundlicher, mitfühlender.

Prüfstein Guantanamo

Obama hat zum Beispiel schon im Wahlkampf gesagt, dass Pakistan nicht mehr Rückzugsraum der Taliban bleiben dürfe. Und Obama entstammt auch nicht jener Generation von US-Politikern, für die Europa (und die Nato) ein Teil der außenpolitischen Raison d'Être Amerikas sind oder waren. Die Deutschen hält Obama vermutlich für nice guys, auch weil sie ihn als ihren guten Amerikaner an der Siegessäule so bejubelt haben. Eine besondere Beziehung zu den USA aber, die man in Deutschland in der Abneigung wie in der Umarmung stets pflegen möchte, muss das nicht konstituieren. So verbreitet in Deutschland derzeit der Wunsch einer Loslösung von der amerikanischen Politik sein mag, so wenig vernünftig ist er auf die Dauer gesehen.

Was in den USA passiert, beeinflusst die Welt - egal ob es um den Nahen Osten, die Börse oder deutsche Arbeitsplätze in der Exportindustrie geht. Das amerikanische Jahrhundert mag sich dem Ende zuneigen. Aber trotz des Aufstiegs von China und Indien sowie der Bemühungen der Unvereinigten Staaten von Europa bleibt Amerika auch im 21.Jahrhundert Supermacht - militärisch, wirtschaftlich, aber durchaus auch populär-kulturell. Und trotz aller Fehlentwicklungen in den Bush-Jahren sind die USA als älteste verfasste Demokratie dieser Welt auch eine Vormacht des Westens und seiner Werte. Wäre das nicht so, gäbe es nicht jene große Sehnsucht gerade in Europa, dass Obama ganz und gar der Anti-Bush sein möge.

Der Neue übrigens könnte der Welt schon im ersten Halbjahr nach seiner Inauguration relativ einfach zeigen, dass er etliche Erwartungen doch erfüllt. Zum einen ist es längst überfällig, dass die USA endlich das Gefangenenlager Guantanamo schließen, wo Hunderte unter entwürdigenden Bedingungen außergesetzlich festgehalten werden. Obama hat versprochen, diesen Pferch aufzugeben. Er sollte es sehr schnell tun und sich nicht dahinter verschanzen, dass man zuerst die Haftgründe jedes Einzelnen überprüfen müsse. Nein, all diese Männer kann man verlegen und dann möglichst rasch vor ordentliche, öffentlich tagende Gerichte bringen. Guantanamo ist eine Schande für Amerika und jeden, der dieses Land schätzt.

Zum Zweiten wäre es sehr von Nutzen, wenn Obama die Pläne zur Stationierung jenes Mini-Raketenschildes in Polen und Tschechien auf Eis legte. Dieses Projekt war nie mehr als symbolische Politik gegenüber Iran und Russland. Bush ging es darum, den "Schurken" in Teheran den Knüppel zu zeigen, und den unsicheren Kantonisten in Moskau zu beweisen, dass die Nato jetzt sehr weit ostwärts reicht und immer noch auf Washington hört. Zehn Raketen und eine Radarstation sind weder politisch noch strategisch wichtig genug, um sie zum Objekt des Dauerstreits mit Moskau und Teilen Europas zu machen. Für Amerika wäre der Abschied von diesem Projekt nur ein kleiner Schritt, für viele andere aber eine gewaltige Geste des guten Neuen.

(SZ vom 08.11.2008/jkr)