Sie erschraken über sich selbst

    Nahost-Konflikt

    08.06.2004, 07:44

    Von Thorsten Schmitz

    Nach Ende ihrer Dienstzeit zeigen israelische Soldaten in einer Ausstellung, wie in Hebron Palästinenser gedemütigt und schikaniert werden. Die Fotos erinnern an die Folterbilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib.

    Ein israelischer Soldaten deutet auf einen gefesselten Palästinenser. (Foto: dpa)

    „Wir können nicht mehr schweigen. Wir wollen, dass jeder Soldat in unsere Ausstellung kommt. So etwas soll nicht mehr passieren.“ Micha Kurz ist 20 Jahre alt, hat soeben nach drei Jahren Grundwehrdienst die Armee verlassen, und die Sätze, die aus dem jungen Israeli heraussprudeln, kommen mit einer zu großen Ernsthaftigkeit für jemanden in seinem Alter.

    Manchmal schreckt Micha nachts hoch, heimgesucht von Alpträumen, in denen geschossen wird und gedemütigt, und die Rollenverteilung in seinen Träumen ist immer dieselbe: die israelischen Soldaten sind stark, die Palästinenser sind schwach.

    Kurz war in den drei Jahren seiner Dienstzeit mehrere Monate in Hebron, dem vermutlich absurdesten Flecken in der Kartographie des Nahost-Konflikts. In Hebron leben rund 700 extrem radikale jüdische Siedler in fünf Enklaven inmitten von 130000 Palästinensern.

    "Das Schweigen brechen"

    Fast kein Tag vergeht, in dem Hebron nicht in den Nachrichten erwähnt wird, weil Siedler Palästinenser angreifen oder Palästinenser Siedler. Mittendrin sollen Soldaten für Ruhe sorgen.

    Die meisten haben gerade erst die Schule verlassen und träumen dem Ende der Militärzeit und einem Urlaub in Indien oder in Nepal entgegen. Was Hebron aus den Soldaten macht, dokumentiert eine Aufsehen erregende Ausstellung in Tel Aviv: „Das Schweigen brechen“. Micha Kurz und 79 befreundete Soldaten, die alle ihren Dienst abgeschlossen haben, zeigen Fotos, die sie in Hebron mit ihren Kameras privat gemacht haben.

    Fotos von großer Sprengkraft, die manchen Ausstellungsbesucher an die Bilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib in Bagdad erinnern. Auf ihnen sieht man lächelnde Soldaten hinter gefesselten Palästinensern, denen die Augen verbunden sind. Graffiti der Siedler sind auf den Fotos zu sehen, „Palästinenser in die Gaskammer“, steht auf einem. Ein Siedler trägt auf seinem Maschinengewehr den Aufkleber „Tötet alle Araber!“

    Verstörende Interviews, eingebildete Messer

    Verstörend sind auch die Video-Interviews mit Soldaten. Auf zwei Fernsehmonitoren beichten und berichten sie von der „verrückten Realität“ in Hebron, manche mit verzerrter Stimme und verschwommenem Gesicht, um nicht erkannt zu werden.

    Ein junger Ex-Soldat erzählt, an einem Tag habe einer seiner Kollegen einen 15-jährigen Palästinenser gezwungen, sich im höllenheißen Hochsommer auf eine asphaltierte Straße zu legen, das Gesicht am Boden. Der Soldat habe den Jungen verdächtigt, ein japanisches Taschenmesser bei sich zu führen und habe einen anderen Palästinenser gezwungen, den am Boden Liegenden zu durchsuchen. Der habe gezittert, geweint, vor Angst in die Hosen gemacht. Am Ende der Demütigung ließ der Soldat die beiden Jungs gehen – das Messer blieb Einbildung.

    Ein anderer erzählt, seine Einheit habe festgenommene Palästinenser gezwungen, patriotische israelische Soldatenlieder zu singen. Manchmal, berichtet ein weiterer, hätten die Soldaten Schockgranaten auf palästinensische Kinder geworfen, „einfach so, um sich die Langeweile zu vertreiben“.

    Die weinende Braut

    Ein Kommandant, erfährt man in einem anderen Interview, ließ einmal eine Hochzeit platzen, als er den Wagen des Brautpaars anhielt und die Autoschlüssel konfiszierte. Die Braut habe geweint und gebettelt, man möge ihre Hochzeit nicht zerstören, doch der Kommandant habe die Schlüssel behalten. So musste das fein herausgeputzte Brautpaar zu Fuß zurück nach Hause laufen.

    Auf zwei Holzbrettern haben die Ex-Soldaten 60 Autoschlüssel aufgehängt – griffbereit, aber am falschen Platz. Es sind Autoschlüssel von Palästinensern, konfisziert von israelischen Soldaten und nie wieder zurückgegeben. Eine „übliche Art der Bestrafung“, erfährt der Ausstellungsbesucher. Jehuda Schaul, 21, der die Ausstellung initiierte, sagt: „Erst jetzt realisieren wir, dass wir unredliche Dinge angestellt haben.“ Die Ausstellung sei auch ein Versuch, mit sich selbst wieder ins Reine zu kommen.

    Bruch eines Tabus

    Die Bilder und die Video-Aussagen haben bereits heftige Reaktionen von Israelis ausgelöst, die in Fernsehen und in Zeitungen den Ex-Soldaten Nestbeschmutzung vorwerfen. Kritik an der Armee in Israel, obwohl in jüngster Zeit selbst von hoch angesehenen Luftwaffenpiloten geäußert, kommt noch immer einem Tabubruch gleich.

    Ob die Ausstellung tatsächlich bis zum 25. Juni geöffnet bleibt, ist nicht sicher. Aufgeschreckt durch die Misshandlungen in Irak und die weltweite Empörung hat Generalstabschef Mosche Jaalon Ermittlungen wegen der Aussagen einiger Ex-Soldaten angeordnet.

    (SZ vom 8.6.2004)

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