Ein Kommentar von Kurt Kister

Angela Merkel besucht US-Präsident Bush auf seiner Ranch in Crawford - ein privater Besuch von immenser Symbolik. Die Kanzlerin sollte dort einen Rat der Pop-Sängerin Pink befolgen.

Merkel Bush; APBild vergrößern

Kanzlerin Merkel bei der Ankunft in Crawford. Foto: AP

George W. Bush ist nicht der erste US-Präsident, der Staatsgäste auf einer Ranch in Texas empfängt. Lyndon B. Johnson, der wegen des Kriegs in Vietnam keine zweite Amtszeit wollte, unterhielt in Stonewall, Texas sein Western White House.

Es gibt die hübsche Geschichte, dass er dort einmal eine Journalistin beherbergt habe, die nachts aufgewacht sein soll, als der Hausherr gerade ihre Bettdecke lüftete. "Move over, it’s your President", habe LBJ gesagt, "rutsch rüber, es ist dein Präsident."

Angela Merkel wird so etwas in der Nacht zum Samstag in Crawford, Texas sicher nicht widerfahren sein. Dort ist sie zu Gast bei George W. Bush, jenem Präsidenten, der trotz des Kriegs im Irak eine zweite Amtszeit bekam.

Eine Einladung nach Crawford gilt als besonderes Signal im Reich der symbolischen Politik. Ausländische Besucher werden in die Prärie gebeten, weil sie sehr wichtige Länder repräsentieren: Wladimir Putin zum Beispiel oder auch Jiang Zemin.

Die andere, größere Gruppe besteht aus Bush-Unterstützern im weiteren Sinne. Dazu zählten die Kriegskameraden José Maria Aznar (Spanien) und Silvio Berlusconi (Italien) oder der saudische König. Und schließlich verbrachten auch die Nachbarn aus Kanada (der Premierminister) und Mexiko (der Präsident) Zeit auf der Ranch.

Angela Merkel repräsentiert weder ein sehr wichtiges Land noch einen Nachbarn. Dies bedeutet wohl, dass Bush sie zu den Unterstützern rechnet.

Gewiss, es gibt viel Aktuelles zu bereden zwischen dem Präsidenten und der Kanzlerin: Iran und Irak, Afghanistan und Pakistan, Klimawandel und Menschenrechte. Aber eine solche Reise, so kurz sie sein mag, bietet auch Anlass genug, über Grundsätzliches nachzudenken.

Anders als in den ersten vierzig Jahren bundesrepublikanischer Geschichte ist die Weltmacht Amerika heute nicht mehr das Zentrum deutscher Außenpolitik. Das vereinigte Deutschland ist kein Klientenstaat der USA mehr.

In den neunziger Jahren fand die manchmal täppische Ablösung vom großen Bruder statt. Aus der schützenden, gelegentlich auch drückenden Umarmung Amerikas wurde eine überwiegend freundliche, immer noch relativ nahe Distanz. Heute sind Berlins Beziehungen zu den europäischen Nachbarn wichtiger als das transatlantische Verhältnis. Das gemeinsame Handeln im Rahmen der EU - oft auch nur das Ringen um dieses Handeln - definieren jetzt den Rahmen deutscher Außenpolitik.

Auf der schiefen Bahn

Amerikas tragende Rolle als eine auch europäische Macht ist in gegenseitigem Einvernehmen vom Spielplan abgesetzt worden. Dies bedeutet weder Rückzug noch Vertreibung.

Es ist vielmehr die Konsequenz aus dem Ende des Kalten Krieges: Seit dem grandiosen Scheitern des staatlich organisierten Sozialismus ist Europa nicht mehr die zentrale Arena des Konflikts der Blöcke. Ost- und Westeuropa sind wieder geographische Begriffe, die höchstens noch etwas über den Verlauf des Wohlstandsgefälles aussagen.

Der Warschauer Pakt modert auf dem Müllhaufen der Geschichte. Aus der Nato ist ein Bündnis geworden, dessen militärischer Zweck fragwürdig ist und dessen politischer Sinn darin besteht, den neueren Mitgliedern zu versichern, dass sie jetzt "zum Westen" gehören.

Dies alles geschah völlig unabhängig von der Regierung Bush. Allerdings hat diese Regierung, auch wenn es ihr vermutlich egal ist, die Wahrnehmung Amerikas in Deutschland grundlegend verändert. Sie hat die Distanz vertieft.

Der Krieg im Irak wird von einer großen Mehrheit der Deutschen abgelehnt; eine Minderheit richtet sich leidenschaftlich und manchmal auch pauschal gegen die Amerikaner. Ja, es gibt hierzulande seit langem eine Strömung des Anti-Amerikanismus, die sich beispielsweise in dümmlichen Verschwörungstheorien ausdrückt.

Wer aber die weitverbreitete Ablehnung amerikanischer Politik - und damit auch die transatlantische Entfremdung - hauptsächlich auf Anti-Amerikanismus zurückführt, irrt oder ist böswillig.

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