21. Januar 2013 19:00 Niedersachsens SPD-Politiker Stephan Weil Der Anti-McAllister

Stephan Weil poltert nicht. Viele hatten dem OB von Hannover nicht zugetraut, dass er neuer Ministerpräsident der SPD in Niedersachsen wird. Nun hat der 54-Jährige seine Kritiker eines Besseren belehrt.

Von Charlotte Frank, Hannover

Es ist ein denkwürdiges Bild Sonntagnacht, als die Genossen auf ihrer Wahlparty in Hannover, im Alten Rathaus, durch den Saal toben und tanzen und sich in den Armen liegen - und Stephan Weil einfach nur zuschaut: Überlebensgroß prangt sein Foto auf einem Banner über der Tanzfläche, verlegen schaut er von dort auf die Feiernden, mit seinem freundlichen, norddeutsch-gehemmten Lächeln. Ein echter Weil: immer beherrscht, immer etwas über den Dingen. Der Fotograf hat Weil gut getroffen.

Der echte Weil freilich ist um diese Zeit längst mit seiner Frau nach Hause gegangen. Man hätte ihn sich auch nicht vorstellen können, wie er durch den Saal tobt und tanzt und in fremden Armen liegt. Nicht einmal nach so einer Nacht.

Es war so knapp gewesen: Am Ende dieses Wahlkrimis tritt Stephan Weil, 54, Jurist, Langläufer, Hannover-96-Fan, Oberbürgermeister von Hannover, fast schüchtern auf die Bühne und scheint erstaunt dem Satz hinterherzuhören, mit dem er angekündigt wurde: "Hier steht der neue Ministerpräsident der SPD in Niedersachsen."

Es gibt viele, die ihm das nicht zugetraut hatten - zu stark war sein anfänglicher Vorsprung von fast zehn Prozent in den Tagen vor der Wahl geschmolzen. Und zu unbekannt war Weil außerhalb der Landeshauptstadt, die er seit 2006 regiert hatte. Als Weil damals den legendären Herbert Schmalstieg nach 36 Jahren im Rathaus ablöste, sagten viele, nun übernehme er sich aber. Manche haben das auch gesagt, als er Spitzenkandidat der Landes-SPD wurde. Zum zweiten Mal hat er nun seine Kritiker eines Besseren belehrt.

"Eine Wahl ist kein Schönheitswettbewerb"

"Eine Wahl ist kein Schönheitswettbewerb", das hat Weil im Wahlkampf ständig erklärt. Denn ständig hat ihn irgendjemand gefragt, wie das denn sei: um Stimmen von Wählern zu werben, die ihn selbst dann nicht erkennen, wenn er ihnen einen Flyer mit seinem Namen und seinem Konterfei in die Hand drückt. Das ist Weil oft passiert, wenn er durch Niedersachsens Innenstädte gezogen ist, um sich und sein Programm bekannt zu machen.

Wer da durch die Straßen lief, war ein netter Mann mit randloser Brille, wie er den Menschen auch Versicherungen verkaufen oder ihnen in der Sparkasse Riester-Pakete erklären könnte. Keiner, der sich aufdrängt. Keiner, der poltert. Einer, dem das Unbehagen anzusehen ist, wenn er Menschen für ein schnelles Handyfoto den Arm um die Schulter legen soll. Bevor Weil OB wurde, war er in Hannover Stadtkämmerer. Man kann sich das gut vorstellen: Stephan Weil als Kämmerer. David McAllister zum Beispiel kann man sich in so einem Amt nicht so gut vorstellen. Weil ist, in jeder Hinsicht, ein Anti-McAllister.

Am Sonntag hat er gewonnen gegen den strahlenden CDU-Konkurrenten, aber er hat nicht triumphiert. Als er auf der Wahlparty ans Mikrofon tritt, sagt er den Parteifreunden: "Ich fühle mich jedem von euch verbunden." Ungewöhnlich leise für einen so lauten Abend.