21. November 2012, 14:16 Raketenabwehrsystem "Iron Dome" Israels Schutzpatron

Er ist der neue Star in Israels Waffenarsenal: Obwohl sich das Land seit einer Woche heftige Gefechte mit radikalen Palästinensern liefert, ist die Zahl der eigenen Opfer bislang gering - dank des Raketenabwehrsystems "Iron Dome".

Von Peter Münch, Tel Aviv
Israels Raketenabfangsystem "Iron Dome"

Israels Raketenabfangsystem "Iron Dome"

So funktioniert "Iron Dome"

In diesen beschwerten Tagen ist Tel Aviv immerhin um eine Attraktion reicher: Im Süden der Stadt steht eine Batterie des Raketenabwehrsystems Iron Dome, und auf einem umliegenden Hügel versammeln sich die Gaffer. Live wollen sie erleben, wie eine Fadschr-5-Rakete aus dem Gazastreifen in der Luft zerstört wird. Das Risiko macht hier wohl den Reiz aus, doch es ist auch eine Art pilgernde Ehrbezeugung für den neuen Star in Israels Militärarsenal.

Denn mehr als 300 Geschosse hat das System bereits abgefangen und damit gewiss viele Leben gerettet und viele Schäden verhindert. Die "Eiserne Kuppel" besteht gerade ihre Feuerprobe - und soll von nun an alle Angreifer des jüdischen Staats zur Verzweiflung bringen.

In aller Eile war eine Abwehrbatterie erst am Samstag in Tel Aviv aufgebaut worden, nachdem zuvor erstmals Raketen aus dem Gazastreifen auf die Metropole am Mittelmeer abgefeuert worden waren. Im Süden des Landes, rund um die Städte Aschkelon, Aschdod, Beerschewa und Sderot, die weit mehr als Tel Aviv unter dem Raketenhagel der Hamas zu leiden haben, standen schon zuvor vier weitere Iron-Dome-Batterien.

Eine mobile Einheit besteht aus einem Radar, dem Steuerungssystem und einer Batterie von 20 Abfangraketen des Typs Tamar. Das System erfasst anfliegende Geschosse, berechnet in Sekundenschnelle die Flugbahn - und wenn das Ziel in einem bewohnten Gebiet liegt, wird die Rakete in der Luft zerstört. Zur Sicherheit werden jedes Mal zwei Tamars nach oben gefeuert, falls die erste ihr Ziel verfehlt. Ergibt die Berechnung, dass das feindliche Geschoss in offenem Gebiet niedergeht, spart sich das System den Abschuss. Denn der Preis für jede einzelne Abfangrakete wird auf 10 000 bis 30 000 Euro geschätzt. Die Entwicklungs- und Produktionskosten sollen insgesamt inzwischen bereits die Milliardengrenze erreicht haben.

Kein Wunder also, dass es zu Beginn viel Widerstand gab gegen dieses System, zumal kaum einer glauben wollte, dass es tatsächlich so gut funktionieren würde. Durchgesetzt hatte es nach dem Schrecken des Libanon-Krieges von 2006, als die Hisbollah 4000 Raketen auf Israel hageln ließ, Verteidigungsminister Amir Peretz, dem heute eine späte Genugtuung widerfährt. Denn in die Annalen war der walrossbärtige Minister von der Arbeitspartei, der nur ein Jahr lang amtierte, durch Pleiten, Pech und Pannen eingegangen.

Probleme mit dem System

Unvergessen bleiben die Aufnahmen von einem Militärmanöver, das Peretz fachkundig nickend durch ein Fernglas beobachtete - allerdings hatte er vergessen, vorn am Feldstecher die Schutzkappen abzunehmen. Dennoch hat er Weitsicht bewiesen mit der Entscheidung für Iron Dome. In Talkshows darf er sich deshalb heute feiern lassen.

Eine Wunderwaffe ist das System trotzdem nicht, Probleme entstehen aus dreierlei Gründen. Erstens gibt es eine Fehlerquote von ungefähr zehn Prozent. Bei mehr als 1000 Raketen, die bisher aus dem Gazastreifen abgeschossen wurden, kann das sehr viel und sehr tödlich sein. Zweitens gibt es Klagen über Schäden durch herabfallende Splitter nach der Raketenkollision hoch oben am Himmel. Und drittens verleitet das System die Menschen dazu, sich allzu sicher zu fühlen.

Dies jedenfalls soll Berichten zufolge der Grund für einen tödlichen Zwischenfall auf israelischer Seite sein, bei dem in Kirjat Malachi durch den Einschlag einer Rakete in einem Apartment im vierten Stock drei Menschen starben. Einer von ihnen hatte offenbar darauf bestanden, trotz Luftalarms in der Wohnung zu bleiben, um den Raketenabschuss zu fotografieren. Doch Iron Dome hatte eine fatale Fehlfunktion. Am Dienstagabend wurde in Tel Aviv ein Wohnhaus getroffen, drei Menschen wurden verletzt.

Der größte Erfolg des Abwehrsystems ist es womöglich, dass es Eskalationen begrenzen könnte. Wenn noch mehr Raketen aus dem Gazastreifen in Israel Schäden angerichtet hätten, wäre der Druck auf die Regierung zu einer Bodenoffensive stärker. Den Militärstrategen eröffnen sich neue Optionen, wenn nicht immer nur Angriff als die beste Verteidigung gelten muss.

Der Iron Dome - ein Exportschlager?

Gelobt worden ist Iron Dome jetzt sogar vom amerikanischen Präsidenten Barack Obama, der den Aufbau mit Militärhilfe aus Washington entscheidend gefördert hatte. Nun wird sich das israelische Rüstungsunternehmen Rafael Advanced Defense Systems, das für Entwicklung und Bau verantwortlich zeichnet, in nächster Zeit nicht über einen Mangel an Aufträgen beklagen können. Iron Dome könnte als bisher weltweit einziges System zum Abfang von Kurzstrecken-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 70 Kilometern zu einem Exportschlager werden. Interesse wird zum Beispiel aus Indien und Südkorea gemeldet.

Doch auch in Israel gibt es noch viel zu tun. Premierminister Benjamin Netanjahu hat den Ausbau der Abwehrsysteme versprochen. Das allerdings wird weitere Milliarden kosten. Denn der israelische Militärgeheimdienst schätzt, dass aus den umliegenden Ländern insgesamt 200 000 Raketen auf den jüdischen Staat gerichtet sein dürften.