10. Dezember 2017, 08:30 Nordkorea und USA Kim, Trump und der letzte Countdown

Von Stefan Kornelius

Kim Jong-un mag für den amerikanischen Präsidenten der "Raketenmann" sein, ein "Durchgeknallter", den er "niemals klein und fett nennen" würde. Und Donald Trump mag für Nordkoreas Machthaber Kim ein "geistig verwirrter Starrkopf" bleiben, der obendrein senil sei. Plötzlich aber tauchen neue Figuren auf in diesem Duell zwischen Nordkorea und den USA. Eine von ihnen ist seltsamerweise auch klein und stämmig (nicht fett). Und ihre Worte haben wirklich Gewicht: Herbert (H. R.) McMaster, der Sicherheitsberater des US-Präsidenten.

Die Sache ist ernst, sehr ernst, sodass nach Monaten der Verbalscharmützel plötzlich die "Erwachsenen im Raum" das Steuer übernehmen. Die Erwachsenen - so nennen sie in Washington die engste Beraterriege um den Präsidenten, die versucht, System und Berechenbarkeit in die US-Außenpolitik unter Trump zu bringen.

Berechenbarkeit strebt McMaster allerdings jetzt gerade nicht an. Im Gegenteil. Der Sicherheitsberater wird zur Sphinx. Stummelsätze dringen aus seinem Mund. Der Mann spricht in Rätseln, weil er ein Geheimnis bewahren will: Wie weit sind die USA bereit zu gehen im Konflikt mit Nordkorea? Oder noch konkreter: Wird es einen Militärschlag geben, um dem Regime in Pjöngjang das wichtigste Machtmittel, die Nuklearwaffen, zu nehmen?

Diktator Kim kann die Gesetze der Physik nicht aufheben

Die Rakete Hwasong-15 kann mehr als 10 000 Kilometer weit fliegen. Allerdings nicht mit schwerer Nutzlast. Deshalb dürften die USA weiterhin außerhalb der Reichweite nordkoreanischer Atomsprengköpfe liegen. Von Christoph Neidhart mehr ...

McMaster wird eigentlich als der ausgleichende Part im Kosmos des Präsidenten gesehen, als einer, der auf Stabilität und Strukturen setzt. So versäumt er keine Gelegenheit, die Nato zu beruhigen oder Härte gegenüber Russland zu zeigen. McMaster ist ein Mann des Sicherheitssystems, ein Falke zwar, aber berechenbar. Wenn so einer in Rätseln spricht, deutet das auf große Unruhe im Apparat hin. Und auf die Vorbereitung des bisher Undenkbaren.

Gemessen an seinen Vorgängern taucht der oberste Trump-Berater häufig im Fernsehen auf, wo er dann Sätze sagt, die das sicherheitspolitische Personal in Wallung bringen. Ob die Kriegsgefahr steige? "Sie wächst mit jedem Tag." Oder dass man nun "maximalen Druck" ausüben müsse. Oder dass Nordkorea "nicht abzuschrecken" sei.

Währenddessen starten die USA das bisher größte Luftwaffenmanöver mit Südkorea, 230 Maschinen neuesten Typs fliegen über Seoul, 12 000 Soldaten üben am Boden. Und Nordkoreas Außenministerium veröffentlicht Sätze wie: "Die verbleibende Frage ist jetzt, wann der Krieg ausbrechen wird." Die Säbel rasseln nicht, sie klirren.

Kims Botschaften werden aufmerkam studiert

Zwei Lager haben sich in Washington gebildet, und wie es scheint, hat die Fraktion um McMaster mit einer Deutung Erfolg, die sämtliche Grundsätze der Nuklearpolitik und der Abschreckung der vergangenen Jahrzehnte infrage stellt.

Die eine Fraktion, der Demokraten und die Moderaten im Pentagon angehören, hält es für unvermeidbar, dass Nordkorea demnächst über Nuklearraketen verfügt. Sie sieht darin aber keine unmittelbare Bedrohung, weder für Südkorea noch für die USA selbst. Diese Fraktion glaubt, Kim betreibe das Nuklearprogramm, um seine Macht zu erhalten. Angriffe des Regimes sind demnach eher unwahrscheinlich und im Zweifel abzuschrecken mit der Drohung eines nuklearen Gegenschlags. So hat es schließlich all die Jahrzehnte mit der Sowjetunion oder mit China funktioniert.

Die andere Fraktion, die im Weißen Haus ihre Fürsprecher hat, hält das Kim-Regime dagegen für irrational und studiert aufmerksam dessen Botschaften. Tatsächlich hat die Frequenz der Propaganda-Botschaften zugenommen, die als Staatsziel des Nordens die Vereinigung der beiden Koreas ausgibt.

Daraus ziehen die Analysten ihre Schlüsse: Kim und sein Regime hätten schon immer exakt ihre Ziele benannt. Man müsse sie ernst nehmen. Kim könnte also sein Nukleararsenal einsetzen, um die USA zu erpressen und letztlich ihren Abzug von der Halbinsel zu erzwingen. Selbst ein konventioneller Angriff des Nordens auf den Süden ließe sich dann nicht zurückschlagen, weil Kim Seattle oder San Francisco mit Nuklearraketen bedrohen kann. Um dieser Erpressbarkeit zu entgehen, müsse über einen Präventivschlag nachgedacht werden.

Diese Szenarien werden in Sicherheitskreisen heftig diskutiert, ein europäischer Beobachter kam unlängst verstört aus der US-Hauptstadt zurück und schrieb auf Twitter: "Krieg zwischen US und N Korea ist wahrscheinlicher, als viele Leute es glauben. Die Offiziellen glauben, dass Abschreckung gegen einen Verrückten nicht funktioniert."

Tatsächlich müssen zwei simple Fragen beantwortet werden: Wie berechenbar ist Nordkorea? Und geht es dem Regime wirklich nur um seinen Erhalt - oder hat der junge Kim große Pläne mit seinem kleinen Land? Präsident Trumps hysterische Reaktion auf Raketentests im vergangenen Sommer befeuerte in Japan und Südkorea die Sorge, dass sich die USA als Schutzmacht zurückziehen und Nordkoreas Übermacht ausliefern könnten.

Im Schatten der 12 000 Geschütze

Warum die Menschen im Süden der Halbinsel trotz der jüngsten Zuspitzung recht gelassen sind. Sie halten den Diktator im Norden zwar für zu jung für seinen Job, aber für rational. Von Christoph Neidhart mehr ...

Militärexperten halten ein Überrumpelungsszenario jedoch für wenig glaubwürdig. Nordkorea mag auf dem Papier 1,2 Millionen Mann unter Waffen halten, aber nur ein Bruchteil der konventionellen Streitmacht ist einsetzbar. Die Luftwaffe ist mit 770 Flugzeugen nach westlichen Geheimdiensterkenntnissen flügellahm, die Flugabwehr leicht auszuschalten. Von den 95 U-Booten und 700 Schiffen schwimmen nur die wenigsten.

Sorgen bereiten allein die 88 000 Spezialkräfte, die auf verheerende Angriffe gegen Südkorea, sogenannte Enthauptungsschläge, trainiert sind. Sie bedienen auch das Artillerie-Arsenal, mit dem sich Seoul binnen Stunden zerstören ließe. Zuletzt hat diese Einheit ihre Fähigkeiten im kriminellen Milieu bewiesen: Cyber-Erpressung, Devisenbeschaffung, Drogengeschäfte, Menschenraub. Ob das reicht? "Es handelt sich um eine zweigeteilte Armee mit kaum offensiven Fähigkeiten", heißt es in Geheimdienstkreisen.

McMaster scheint diese Einschätzung nicht unbedingt zu teilen, vor allem aber hat er in der Gemeinde der Atomexperten eine nervöse Debatte über die Glaubwürdigkeit der Nuklearabschreckung ausgelöst. Ivo Daalder, jahrelang US-Botschafter bei der Nato und Berater der Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama, sieht gewaltige Defizite. "Wir sind intellektuell auf dem Stand des letzten Jahrhunderts. Es gibt keine schlüssige Strategie", sagt er.

Diese Unsicherheit hat die diplomatische Maschinerie beschleunigt. An diesem Wochenende kehrt UN-Untergeneralsekretär Jeffrey Feltman aus Pjöngjang zurück. Seit 2011 war kein so hochrangiger UN-Diplomat mehr in Nordkorea. Und Russlands Außenminister Sergej Lawrow überbrachte beim OSZE-Treffen in Wien eine Botschaft an seinen US-Kollegen Rex Tillerson: Der Norden sei bereit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.

"Freeze for freeze" - eine Lösung?

Verhandlungen? Exakt was soll bitte schön verhandelt werden? Die USA haben bereits über diverse Sprecher mitgeteilt, dass es nicht weniger als die nukleare Entwaffnung geben könne. Pjöngjang hat indes Großes im Sinn und will nicht nur als Nuklearmacht anerkannt werden, sondern auch noch einen Friedensvertrag zur offiziellen Beendigung des Koreakrieges inklusive Abzug der US-Truppen, Wiedergutmachung und Aufhebung aller Sanktionen erwirken. Im Gegenzug könnte die Welt mit einem Teststopp rechnen.

McMasters wahre Absichten kennt die Welt nicht. Die seines Präsidenten sowieso nicht. Washingtons Blick geht jetzt nach Peking. Dort werden die gemeinsam verhängten Sanktionen gegen Nordkorea zwar akzeptiert, aber Washington misstraut China bei der Umsetzung. Neue Strafen sind in Vorbereitung, die komplette Abriegelung des Landes, ein komplettes Ölembargo, ein Ausfuhrverbot für so ziemlich alles.

Dann könnte verhandelt werden. "Freeze for freeze" heißt eine Formel - Nordkorea stoppt die Raketentests, die USA stoppen die Eskalation. Washington reicht die Formel indes nicht, im Kern geht es nicht um Raketen, sondern um Kernwaffen und die Gefahr, dass Nordkorea als Händler von Massenvernichtungswaffen auftreten könnte. Außerdem: Wie soll ein Entwicklungsstopp überprüft werden? Das Iran-Drama ist dabei allgegenwärtig, übrigens auch die Unberechenbarkeit der Trump-Regierung bei der Einhaltung des Nuklearabkommens mit Teheran.

Wie der Nervenpoker endet, ist offen. Je glaubwürdiger die US-Angriffsdrohung, desto höher die Chance auf Gespräche. Seit dem Test am 29. November weiß Nordkorea jedenfalls: Die nächste Rakete könnte vor ihrem Start am Boden zerstört werden. Von einer amerikanischen Lenkwaffe.

Unser Mann in Pjöngjang

Thomas Schäfer hat das, was man im Auswärtigen Amt einen Härteposten nennt: Der 65-Jährige ist deutscher Botschafter in Nordkorea. Von Christoph Giesen, Peking mehr...