21. Januar 2013 17:01 Gewalt in Nordafrika Algerien und die Tore der Hölle

Der Krieg in Mali, die Geiselnahme in der algerischen Gasfabrik und die Kidnapping-Industrie in Nordafrika und der Sahel-Zone machen ein internationales Eingreifen unvermeidbar. Libyens toter Diktator Gaddafi hatte recht: Nordafrika könnte zum geopolitischen Hotspot werden.

Ein Kommentar von Tomas Avenarius

Der Prophet ist tot, kaum einer weint ihm eine Träne nach. Trotzdem scheint Muammar al-Gaddafi im Grab recht zu bekommen: Stürze er als Machthaber Libyens, würden sich "die Tore der Hölle öffnen". Al-Qaida werde das durch den Arabischen Frühling entstehende Machtvakuum nutzen, ihren unheiligen Krieg ausweiten und mit kriminellen Machenschaften gegenfinanzieren, sagte der libysche Diktatur vor seinem Ende, "Bin Ladens Leute werden Lösegeld erpressen, auf dem Land und zur See."

Der Krieg in Mali, die Geiselnahme in der algerischen Gasfabrik und die seit Jahren laufende Kidnapping-Industrie in Nordafrika und der Sahel-Zone machen internationales Eingreifen nun unvermeidbar. Die Franzosen schicken Bomber und Fremdenlegionäre, die USA werden irgendwann mit Drohnen schießen, die Deutschen beteiligen sich mit Transportflugzeugen. Gaddafi hatte recht: Nordafrika hat das Potenzial, zum geopolitischen Hotspot 2013 zu werden.

Gaddafi und die Diktatoren in Ägypten und Tunesien hatten der Region jahrzehntelang Stabilität verschafft, indem sie die Islamisten in den Kerker warfen oder zum Kämpfen nach Afghanistan schickten. Nur in Algerien kam es 1992 zum Aufstand, erst nach zehn Jahren und 200.000 Toten waren die Bärtigen geschlagen. Algerien bleibt abschreckendes Beispiel für einen islamistischen Aufstand, bei dem den Fundamentalisten ihr Wahlsieg vom Regime gestohlen wurde und diese sich dann für die Militanz entschieden.

So schnell, das hat die Parlamentswahl 2012 gezeigt, werden die Islamisten in der früheren Kolonie der Franzosen allerdings keine Wahl mehr gewinnen. Dennoch bleibt das riesige Land instabil. Das Regime ist erstarrt, Präsident Abdelaziz Bouteflika ein Greis, der sich die Schonung von der "Arabellion" durch soziale Wohltaten erkauft, die er mit Erdgasmilliarden bezahlt.

Die Probleme bleiben: eine junge Bevölkerung ohne Arbeitsplätze, eine die Wirtschaft erdrosselnde Korruption, ein militarisiertes Regime, dessen Hintermänner kaum einer kennt und die den Rohstoffreichtum für eigene Geschäfte nutzen. Die Algerier sprechen nicht vom Staat, sondern nur von "pouvoir", einem gesichtslosen Kraken mit langen Fangarmen im Zentrum der Macht.

Dieser Staat ist nun Anker der Stabilität in Nordafrika: Ägypter, Tunesier und Libyer sind mit sich selbst beschäftigt, Marokko spielt keine Rolle. Umso nötiger wird es sein, Algerien einzubinden. Sein Gas heizt Häuser in Europa, in der Gasindustrie arbeiten Ausländer, die potenzielle Geiseln sind, die Chinesen drängen immer rascher als rücksichtslose Konkurrenten des Westens auf den afrikanischen Rohstoffmarkt.

Die Nähe zu Algerien macht jeden raschen Erfolg im Mali-Krieg aber auch gefährlich: Werden die Militanten abgedrängt, könnten sich der arabische Frühling und der "Krieg gegen den Terror" in Algerien überlappen. Die Arabellion verlangt Reformen, der Anti-Terror-Kampf Härte. Beides zusammen verträgt sich schlecht.